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Solingen: Gegen das Vergessen

Solingen : Gegen das Vergessen

Am Mahnmal gedachten die Solinger gestern zum Jahrestag dem Brandanschlag vom 29. Mai 1993. Anschließend ehrte das Bündnis für Zivilcourage Uli Preuss und Werner Böwing für ihren Einsatz für Frieden und Menschlichkeit.

Der türkische Botschafter rang nach Fassung. Während seiner emotionalen Ansprache setzte Hüseyin Avni Karslioglu mehrfach neu an. 19 Jahre ist es her, dass beim rassistischen Brandanschlag auf das Haus der Familie Genc zwei junge Frauen und drei Mädchen türkischer Abstammung ums Leben kamen.

Ausgezeichnet: Uli Preuss (2. v.l.) und Werner Böwing (3. v.l) aus. Mit im Bild: Norbert Schmelzer (Bündnis), OB Feith, Anne Wehkamp (Stadt). Foto: Tinter, Anja

Am Mahnmal vor dem Mildred-Scheel-Berufskolleg an der Beethovenstraße versammelten sich Bürger, um die Erinnerung an die Tragödie aufrechtzuerhalten. Unter ihnen waren auch Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, und die Staatssekretärin für Integration des Landes NRW, Zülfiye Kaykin (SPD).

Der türkische Botschafter äußerte sich besorgt über die Mordserie der Zwickauer Terrorzelle und forderte alle gesellschaftlichen Kräfte zu einer gemeinschaftlichen Anstrengung im Kampf gegen Rassismus auf. Gleichzeitig betonte er die Freundschaft zwischen Deutschland und der Türkei. Oberbürgermeister Norbert Feith (CDU) sagte, der Brandanschlag von 1993 sei ein großer Schock für die Stadt Solingen gewesen. Mevlüde Genc, die bei dem Anschlag Kinder und Enkel verlor, habe selbst in der schwersten Stunde die Menschen der Stadt dazu aufgerufen, Freunde zu werden, hob Feith hervor.

"Lasst uns Freunde werden", rief auch der Oberbürgermeister in deutscher und türkischer Sprache. "Die Stadt hat sich damals auf einen langen Weg gemacht", sagte Feith. Er erwähnte den Zuwanderer- und Integrationsrat, die Integrationskonferenzen und das Fest der Vielfalt. Heute könne man Solingen stolz "Integrationsstadt" nennen.

Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung verlieh das Bündnis für Toleranz und Zivilcourage dem Fotojournalisten Uli Preuss den "Silbernen Schuh" für seinen Einsatz für das Friedensdorf Oberhausen. Seit über zwei Jahrzehnten unterstützt der 56-Jährige ehrenamtlich das Netzwerk, dessen Mitarbeiter in Krisengebieten rund um den Globus humanitäre Hilfe leisten. Preuss sammelt Spenden, begleitet Hilfseinsätze und stellt die Arbeit des Friedensdorfes in Fotoausstellungen vor. Den Schuh wolle er sich nicht allein anziehen, sagte der gerührte Preisträger und hob die Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes und der Krankenhäuser hervor, die Kinder aus ärmsten Verhältnissen in Deutschland medizinisch versorgten und ihnen so "ihr Leben zurückgeben" würden.

Der Ehrenpreis ging an den Gewerkschafter Werner Böwing. Der 84-jährige bekennende Pazifist gehörte zu den Mitbegründern der Ostermarschbewegung in Nordrhein-Westfalen und engagiert sich im Solinger Friedensforum. Nach eigenen Erfahrungen als jugendlicher Rekrut im Zweiten Weltkrieg habe er sich geschworen, nie mehr eine Waffe in die Hand zu nehmen, berichtete er.

Mit Blick auf die Hungersnöte in allen Teilen der Welt sagte er: "Es ist genug für alle da." Er forderte eine gerechtere Verteilung von Wasser und Nahrungsmitteln. Im vergangenen Jahr waren die AG "Weiße Rose" der Geschwister-Scholl-Schule und das Magazin "Die Straße" mit dem Preis ausgezeichnet worden.

(RP/rl)