Gedenken an Solinger Brandanschlag vor 25 Jahren: „Das Leben ist süß“

Gedenken an Solinger Brandanschlag vor 25 Jahren : „Das Leben ist süß“

Solinger Brandanschlag vor 25 Jahren: Gedenkfeier in Düsseldorf

In der Düsseldorfer Staatskanzlei spricht Mevlüde Genç vom Frohsinn im Leben - trotz ihres Verlustes beim Brandanschlag in Solingen 1993. Kanzlerin Merkel, NRW-Ministerpräsident Laschet und der türkische Außenminister Çavuşoğlu zollen ihr dafür Respekt.

Mevlüde Genç betritt zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel den Saal. Genç hat sich bei Merkel eingehakt. Die geladenen Gäste in der Düsseldorfer Staatskanzlei stehen auf, als die beiden zu sehen sind. Von Anfang an ist der Tenor klar, der an diesem Dienstagmittag beim Gedenken an den Solinger Brandanschlag vor 25 Jahren vermittelt werden soll: Wir halten zusammen.

Mevlüde Genç ergreift zum Ende der Gedenkveranstaltung das Wort. Sie sei eine Mutter, die ihre Kinder verloren habe, sagt sie. In Solingen zündeten in der Nacht zum 29. Mai 1993 vier rechtsradikale Männer das Haus der Familie an. Mevlüde Genç verlor an diesem Morgen zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte. 17 weitere Familienmitglieder erlitten zum Teil lebensgefährliche Verletzungen. Der Anschlag gilt als eine der folgenschwersten rassistischen Taten in der Geschichte der Bundesrepublik.

„Je älter man wird, desto mehr Platz nimmt der Schmerz in meinem Herzen ein“, sagt Genç in Düsseldorf. Doch sie hat an diesem Tag eine Botschaft für die Menschen. In den Nächten nach dem Anschlag habe sie bitterlich geweint. Aber am Tag sei sie ihren Kindern mit einem Lächeln begegnet. Sie habe nicht gewollt, dass der Hass bei ihren Kindern überwiegt, sondern der Blick nach vorne - in eine Zukunft ohne Schmerz und Verlust.

„Das Leben ist süß“, sagt Genç. „Ich möchte Ihnen allen an diesem Tag mein Vermächtnis mit auf den Weg geben: Wir müssen als Brüder und Schwestern zusammenstehen.“ Ihr Herz sei nicht von Rache erfüllt. Niemand, egal welcher Herkunft, dürfe in dieser Welt den Schmerz erleiden, den sie hätte erleiden müssen. Stehende Ovationen.

Neben Genç und Merkel sind an diesem Tag auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu dabei. Merkel sagt, man werde Taten wie jene in Solingen nicht vergessen. Sie richtet sich in ihre Rede direkt an Mevlüde Genç. „Es gibt nichts, was über Ihren Verlust hinwegtrösten könnte“, sagt Merkel und erinnert noch einmal an die Zeit vor 25 Jahren - etwa an die fremdenfeindlichen Ausschreitungen, die dem Anschlag vorangegangen waren.

Der Anschlag sei letzten Endes keine Einzeltat gewesen. Es sei unverzichtbar, dass die deutschen Sicherheitsbehörden alles unternähmen, was in ihrer Macht stehe, um rechtsextremistische Verbrechen zu verhindern und aufzuklären. „Wir wissen, und dieses Wissen schmerzt, dass auch unsere Behörden gravierende Fehler und Versäumnisse machen.“ Dafür könne die Bundesregierung nur um Verzeihung bitten. Man habe die Mittel zur Bekämpfung rechtsradikaler Verbrechen verdreifacht. „Diejenigen, die zu uns kommen, sollen sich hier auch sicher fühlen.“ Von der Haltung Mevlüde Gençs zeigte sich Merkel tief berührt: „Sie haben auf eine unmenschliche Tat mit Menschlichkeit reagiert.“

Ähnlich wie Merkel äußert sich NRW-Ministerpräsident Laschet. Rassismus dürfe in unserer Gesellschaft keinen Platz haben, sagt Laschet. Er zitiert einen Spruch aus dem jüdischen Talmud: „Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.“ Zu Ehren Mevlüde Gençs werde die Landesregierung künftig eine Genç-Medaille verleihen, sagt Laschet. Die Medaille werde mit 10.000 Euro dotiert und solle an jene verliehen werden, die sich wie Mevlüde Genç für die Versöhnung einsetzten.

Mit einer gewissen Anspannung wurde an diesem Tag auch die Rede des türkischen Außenministers Çavuşoğlu erwartet. Mevlüde Genç hatte Çavuşoğlu persönlich darum gebeten, zum 25. Jahrestag des Anschlags zu sprechen. Mehrere Politiker hatten jedoch die Befürchtung geäußert, Çavuşoğlu könnte die Gedenkveranstaltung auch als Wahlkampfauftritt nutzen. Am 24. Juni finden in der Türkei sowohl die Präsidenten- als auch die Parlamentswahl statt.

Doch Çavuşoğlu fokussiert sich auf das Gedenken. Es sei ihm eine Ehre, in der Staatskanzlei zu diesem Anlass zu sprechen. Der fremdenfeindliche Anschlag in Solingen sei nicht der erste gewesen. „Und er wird auch nicht der letzte sein.“ Man müsse alles dafür tun, um der Plage des Rassismus etwas entgegenzusetzen. Die Türkei sei bereit, „jede erdenkliche Unterstützung zu leisten“. Wie Merkel zollt auch Çavuşoğlu Genç für ihre Haltung Respekt: „Sie ist für uns alle ein Vorbild.“

(jaco)
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