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Fünf tote Kinder in Solingen – Anwohner suchen nach Antworten

Fünf tote Kinder in Solingen : Trauer und quälende Fragen nach der Tragödie

Nach dem Mord an fünf Kindern wünschen sich die Menschen im Solinger Stadtteil Hasseldelle Ruhe in ihrem Schmerz. Die Trennung von ihrem Mann könnte ein Motiv der tatverdächtigen Mutter gewesen sein.

Ein gelb-blaues Fahrrädchen steht vor der Wohnung. Direkt vor dem Rad ist noch der Kinderwagen für die beiden Kleinsten zu erkennen. Und auf der anderen Seite der Wohnungstür sind gut zwei dutzend Kinderschuhe in einem kleinen weißen Regal aneinandergereiht. So, dass man fast denken könnte, gleich ginge die Tür auf und die Kinder der Familie würden herausstürmen.

Doch die Wohnung im ersten Stock des Mehrparteienhauses an der Hasselstraße bleibt verschlossen. Die Eingangstür ist versiegelt. Stattdessen haben Polizeibeamte an diesem grauen Freitagmorgen an den Treppenaufgängen Position bezogen. Denn in dem Haus sind am Tag zuvor fünf tote Kinder im Alter von eineinhalb bis acht Jahren entdeckt worden, die von ihrer eigenen Mutter umgebracht worden sein sollen.

Die Zugänge zu dem sieben Stockwerke hohen Gebäude in der Hasseldelle sind mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Es regnet. Immer wieder kommen Anwohner vorbei, um eine Kerze oder ein paar Blumen abzulegen. Ein kleiner Junge geht irritiert an den Erwachsenen vorbei, die alle fassungslos wirken. „Ich verstehe nicht, wie so etwas passieren kann“, sagt eine Frau. „Ich meine: Wie verzweifelt muss man sein, um seine eigenen Kinder umzubringen?“

Es sind Fragen wie diese, die die Menschen in der Hasseldelle seit Bekanntwerden der Familientragödie quälen. Fragen, auf die auch die ermittelnden Polizisten kaum schlüssige Antworten finden. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten am Freitagnachmittag zu einer Pressekonferenz ins Theater und Konzerthaus eingeladen, bei der die ermittelnden Behörden erste Erkenntnisse zu der Tat mitteilten.

Demnach könnte wohl die Trennung vom Ehemann ausschlaggebend für die tatverdächtige Mutter gewesen sein, fünf ihrer insgesamt sechs Kinder zu töten. Denn wie der Leiter der eingerichteten Mordkommission „Hassel“, Marcel Maierhofer, der Einsatzleiter der Polizei Robert Gerici und der zuständige Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt nun bekannt gaben, war der Ehemann und Vater der vier jüngsten Kinder vor rund einem Jahr aus der Wohnung der Familie ausgezogen.

Danach entzündete sich immer wieder Streit. So wurde Mitte des Jahres beispielsweise nach einer Auseinandersetzung die Polizei zu der Familie gerufen. Und ferner kam es zuletzt auch zu zwei Rettungseinsätzen in der Wohnung. Gleichwohl existierten laut Stadt keine Hinweise auf eine sich anbahnende Tragödie. „Der Familie wurden erforderliche Unterstützungen gewährt. Das Jugendamt hat zusätzlich mögliche Hilfsangebote unterbreitet. Erkenntnisse zu Auffälligkeiten oder einer potentiellen Gefährdung der Kinder gab es zu keinem Zeitpunkt“, sagte ein Rathaus-Sprecher am Freitagabend.

 Die Tat selbst dürfte sich dann wohl zwischen Mittwochnachmittag und Donnerstagvormittag dieser Woche ereignet haben – wobei die Ermittler davon ausgehen, dass am ehesten der Donnerstagmorgen infrage kommt. „Nach bisherigen Ermittlungen sind die Kinder erstickt worden. Und es gibt Hinweise auf eine Sedierung der Opfer“, sagte Staatsanwalt Kaune-Gebhardt. Nach den Morden, so die Behörden weiter, habe die Mutter den einzig überlebenden elfjährigen Sohn dann unter einem Vorwand aus der Schule geholt. Und zusammen seien die beiden schließlich per Bahn nach Düsseldorf gefahren, von wo aus die Frau den Elfjährigen weiter zu ihrer eigenen Mutter nach Mönchengladbach schickte.

Während der Fahrt von Solingen hatte die Kindsmutter, die kurz darauf am Düsseldorfer Hauptbahnhof vor einen Zug sprang und schwerverletzt in ein Krankenhaus kam, jedoch schon die Großmutter informiert, dass die fünf kleineren Kinder tot seien. Deswegen alarmierte die Großmutter umgehend die Polizei, die kurz darauf die Leichen der drei Mädchen und zwei Jungen in der Wohnung fand.

Ein Anblick, der selbst die Beamten an die Grenzen brachte. Offensichtlich lagen die toten Kinder in ihren Bettchen, während auf dem Küchentisch noch die Reste des Frühstücks standen. „Die Kollegen benötigen ebenfalls psychologische Betreuung“, sagte Einsatzleiter Gerici am Freitag.

Gegen die 27-jährige Mutter erging derweil Haftbefehl wegen Mordverdachts. Wann die Frau vernehmungsfähig ist, steht noch nicht fest. „Gegen die insgesamt drei Väter der Kinder besteht kein Tatverdacht“, betonte Staatsanwalt Kaune-Gebhardt, der darauf verwies, die weiteren Ermittlungen zum genauen Tathergang würden einige Zeit dauern.

Und auch die Menschen in der Hasseldelle sind noch ganz am Anfang mit dem Versuch, das Geschehene zu begreifen. Am Samstag gab es eine kleine Trauerfeier für die Nachbarn. Bei einer Schweigeminute war neben 800 anderen auch Oberbürgermeister Tim Kurzbach dabei.

Gleichzeitig bat der Verein darum, die Trauer der Menschen im Stadtteil zu respektieren. So gehe es vor allem darum die Kinder der Siedlung vor aufdringlichen Fragen zu schützen.