Solingen: "Fluch des Krieges" - Gedanken eines Flüchtlings

Solingen: "Fluch des Krieges" - Gedanken eines Flüchtlings

Der 25-jährige Ala'a Abohaweya beschäftigt sich in seinem Kurzfilm mit dem Bürgerkrieg in Syrien und seiner Flucht.

Das einstige Leben von Ala'a Abohaweya glich dem eines jungen, zufriedenen Studenten: Während seines Studiums der Schönen Künste lebte er in der Altstadt von Damaskus, geprägt von schmalen Gassen, überdachten Märkten und traditionellen Wohnhäusern. An der Universität schrieb, zeichnete und malte er, auch Filme gehörten zum Spektrum und faszinierten ihn.

Nachdem er sein Studium abgeschlossen hatte, verschlug es ihn an die Mittelmeerküste. In Tartus nahm er ein weiteres Studium im Marketing-Bereich auf. Doch kaum hatte er wenige Monate dort verbracht, brach der Bürgerkrieg in Syrien aus. Wie von vielen jungen Männern wurde auch von ihm erwartet, dem Militär beizutreten. Doch Waffen, Kämpfen, Krieg - das alles widersprach seiner Überzeugung zutiefst. Für ihn gab es nur einen Ausweg: die Flucht aus dem eigenen Land.

"Ohne Geld kannst du nicht fliehen. Du brauchst immer wieder Geld, damit dich Leute ein Stück weiterbringen." Deswegen verdiente er sich mit vielen kleinen Arbeiten Geld, sparte. "Ohne meinen Großvater hätte es nicht geklappt. Er gab mir fast sein ganzes Geld, damit ich fliehen konnte."

Zwei Wochen hat er gebraucht, bis er in der Türkei ankam. Den größten Teil der Strecke legte er zu Fuß zurück. Nie jedoch alleine. "Du kannst nicht alleine dadurch marschieren. Ich war immer mit einer Gruppe unterwegs. Und wir bezahlten immer wieder Leute, die uns sicher ein Stück weiter gebracht haben. Ich hatte große Angst." Zwischen den Etappen, durch die illegale Schleuser Ala'a und die anderen "sicher" begleiteten, schliefen sie meistens in Hütten und Schuppen. Mit dabei war auch ein Freund von ihm. Er überlebte die Flucht nicht.

In der Türkei angekommen, war fast sein ganzes Geld aufgebraucht. Am Ziel angekommen war er jedoch noch lange nicht. "Ich wollte nach England, weil ich Englisch kann und mich die Leute da verstehen." Anderthalb Jahre verbrachte er in der Türkei, um Geld für die weitere Flucht zu verdienen. Irgendwann erreichte ihn die Nachricht, dass seine Mutter und seine Freundin in Syrien umgekommen waren.

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Mit einem Boot gelangte er nach Griechenland. Für die Überfahrt kassierten illegale Schleuser mehrere hundert Euro pro Person. "Das Boot war so unvorstellbar klein." Seine Odyssee brachte ihn unter anderem über Ungarn nach Österreich, bis er es schließlich nach Calais geschafft hatte. Sein Traum von England zerplatzte jedoch schnell am fehlenden Geld für die Überfahrt. Er verbrachte einige Tage in Amsterdam, bevor er mit vielen anderen im Notaufnahmelager in Königswinter bei Bonn landete.

Als Asylbewerber erfasst, wurde ihm Solingen als dauerhafter Aufenthaltsort zugewiesen. Sechs Monate lebte er in der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Ohligser Hallenbad an der Sauerbreystraße. Danach wohnte er einige Monate bei einer Familie in Merscheid. "Das war eine schöne Zeit." Trotzdem sei er jetzt froh, auch mal für sich sein zu können - er lebt seit einem Monat in einem kleinen Appartement in Solingen-Mitte.

Damit hat er es nicht weit zur Südpark-Galerie von Astrid Kirschey, die Ala'a letztes Jahr kennenlernte und von seinem Kurzfilm "Fluch des Krieges" erfuhr, in dem er sich auf bewegende Weise mit der Sinnlosigkeit des Krieges beschäftigt. Kurzerhand beschloss sie, seinen Film mit der Ausstellung "41.000 Kilometer - Flucht nach Europa" zu kombinieren, in der Fotografien des aus Solingen stammenden Pulitzer-Preisträgers Daniel Etter gezeigt werden. "Es passt thematisch absolut zueinander. Und ich möchte, dass viele Menschen Ala's Video sehen. Ich finde es so gut, was er darin sagt", sagt die Galeristin.

Das Video hat Ala'a konzipiert, er hat seine Gedanken, die ihn während seiner Flucht und heute immer noch beschäftigen, in Worte gefasst. Bei der Umsetzung, insbesondere der Übersetzung und der Aussprache, erhielt er von vielen Seiten Unterstützung. "Es ist kein professioneller Film, aber er bedeutet mir sehr viel", erklärt Ala'a.

Der 25-Jährige arbeitet beflissen an seinem Deutsch, er besucht einen Integrationskurs des Lernzentrums Sinkwitz. Am meisten wünscht er sich, in Deutschland studieren zu können, um seinem Berufsziel Filmemacher näher zu kommen. Momentan ist er auf der Suche nach einer Praktikumsstelle.

(RP)
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