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Solingen: Eine Sprachmacht, die aus dem Schweigen kommt

Solingen : Eine Sprachmacht, die aus dem Schweigen kommt

"Schärfste Klinge": Lektorin Dr. Angelika Klammer sprach in der Stadtbibliothek über Leben und Werk von Herta Müller.

"In den Anfängen ist alles angelegt", sagt Herta Müller. Diese Anfänge sind schweigsam. Es wird nicht geredet. Weder zuhause, noch im Dorf. Bestenfalls ist die zu schaffende Landarbeit Thema. "Wenn es draußen Nacht wurde, kamen alle zum Essen an einen Tisch. Wir aßen und niemand fragte den anderen, wie der Tag für ihn war", so die Literaturnobelpreisträgerin in ihrem gerade erschienenen Buch "Mein Vaterland war ein Apfelkern". "Ich war sehr oft traurig als Kind, weil ich zu viel alleine war." Ein Kind in einer als freudlos empfundenen Umgebung: der "Kiste", wie Herta Müller das Dorf nennt - abgeschlossen und verschwiegen, wie die deutschsprachigen Bewohner auf dem rumänischen Land. Schweigsam geht es weiter, als die Jugendliche aufs Gymnasium kommt. Schweigsam später: Man muss auf der Hut sein vor dem Geheimdienst.

"Ihr Schreiben ist mehr mit dem Schweigen als mit dem Sprechen verwandt", sagt Dr. Angelika Klammer. "Reden ist da nur eine sekundäre Form." Aus diesem Schweigen entstehe Sprachmacht. "Wenn etwas nicht geschwätzig ist, dann ihr Werk." Die Wiener Lektorin kennt Herta Müller seit den 90er Jahren. An fünf Nachmittagen hat sie 2013 und 2014 mehrere Stunden mit Herta Müller gesprochen. Daraus ist ein Buch entstanden. Nun war im Rahmen der Verleihung der "Schärfsten Klinge" Angelika Klammer zu Gast in der Stadtbibliothek, um über die Autorin zu sprechen.

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Der Anfang liegt im Dorf der Banater Schwaben, der "Kiste", die wie eingefroren wirkt. Als hier Herta Müller 1953 geboren wurde, war die permanente Todesdrohung aus dem Krieg und der anschließenden Deportation der Deutschstämmigen noch spürbar. Das hat auch etwas mit Geschichtsverfälschung zu tun. Klammer: "Bis zuletzt hat der rumänische Diktator Ion Antonescu an der Seite Hitler-Deutschlands gekämpft. Danach aber stilisierten sich die Rumänen zu Antifaschisten an der Seite der Sowjetunion. Die Schuld bekam die deutsche Minderheit zugeschoben."

In diesem Zusammenhang thematisiert Herta Müller auch die Nazi-Vergangenheit des Vaters. "Die SS meines Vaters war ein warnendes Beispiel für mich": keinen scheinbaren Autoritäten blind folgen. So hat sie es stets abgelehnt, Spitzeldienste für die Securitate zu leisten. "Du weißt nicht, mit wem du da spielst", sagt eine Kollegin zu ihr. "Sie werden dich zerquetschen."

Verhöre und Schikanen beginnen, die Wohnung ist vom Geheimdienst verwanzt: "Die Wohnung ist dann kein Privatraum mehr, sondern offizielles Operationsgebiet der Securitate", erläutert Klammer. Und ein "Wir kriegen dich überall" gibt der Polizist Herta Müller am Bahnhof noch mit auf den Weg, als sie nach Deutschland ausreist. Klammer: "Diese Art Bedrohung hat lange nach Ceausescus Tod funktioniert." Es gab sogar Warnungen des Bundesnachrichtendienstes, dass jemand unterwegs sei, um sie zu ermorden - sie wäre nicht die erste gewesen. Der lange Arm der Securitate erreichte sie aber doch - wenn auch anders. "Während ihre Mutter sofort die deutsche Staatbürgerschaft erhielt, muss Herta Müller zwei Jahre warten." Als angebliche Spionin wurde sie denunziert - fast eine Ironie der Geschichte.

(RP)