1. NRW
  2. Städte
  3. Solingen

Solingen: Eine Frage der Wahrnehmung

Solingen : Eine Frage der Wahrnehmung

Die Jury der 66. Bergischen Kunstausstellung hat den mit 3500 Euro dotierten Bergischen Kunstpreis der National-Bank geteilt. Er wurde der Bildhauerin Leunora Salihu und dem Maler Jochen Mühlenbrink zugesprochen.

Als 2010 im Stuttgarter Radius-Verlag seine erste Monografie erschienen war, fiel Jochen Mühlenbrink in eine "kleine Krise". Der Künstler, der meist in Werkserien arbeitet, hatte Gruppen von Interieurs, Wälder, Asphalt, Neuschnee, Kioske und Laster gemalt. Und nun, nachdem der Kunstband fertig war, stellte sich für den Meisterschüler von Prof. Markus Lüpertz die Frage: Was jetzt malen? "Ich saß zweifelnd im Atelier", erzählt Mühlenbrink. Die Keilrahmen standen aufgespannt mit Leinwänden herum. "Und dann habe ich angefangen, umgedrehte Leinwände zu malen." Mühlenbrink gab der Serie den Titel "Rohstoffe".

Was aussieht wie ein Stapel aneinandergelehnter und verpackter Bilder ist in Wirklichkeit "nur" ein Triptychon. Auch die Lichter und Schatten auf den Bildern sind fast alle gemalt. Foto: mit

"Diese Bilder waren eine Verweigerung, dann aber auch wieder ein ganz der Malerei hingeben", erinnert sich der Düsseldorfer. Der Künstler malte die Rückseiten der Keilrahmen so realistisch, dass man kaum glauben mochte, dass es sich um Malerei handelte. Womit Mühlenbrink diese Bilder — und auch alle der anschließenden Serien "Pack" und "Malerkoffer" — bewusst in die Tradition der Trompe-l'il-Malerei stellte, also illusionistischer Gemälde, die für den Betrachter äußerst verblüffend nicht vorhandene Räumlichkeit und Gegenständlichkeit vortäuschen. So entpuppen sich die an einer Wand im Atelier des Künstlers aneinandergelehnten und mit Pappe verpackten Bilder bei näherer Betrachtung als ein Triptychon, als ein "nur" dreiteiliges Bild, dem Mühlenbrink sogar ein durch ein seitliches Fenster hereinscheinendes Licht (plus Schatten) aufgemalt hat.

Frage der Wahrnehmung

"Die Werke evozieren einen Hyperrealismus, aber es geht mir dabei nicht um eine Perfektion der Illusion, sondern auch um die Frage der Wahrnehmung", erzählt der 31-Jährige in Freiburg geborene Künstler. "Es geht immer auch um Räume, die die Malerei eröffnet." Die Brechungen der Perfektion der malerisch erzeugten Illusion erkennt man bei seitlicher Betrachtung der Bilder — Mühlenbrink hat die Ränder der Keilrahmen nicht bemalt. "Die Illusion endet also an der Kante des Keilrahmens."

Manchmal wird die Illusion durch einen für den Künstler stets willkommenen Zufall aber noch verstärkt. Mühlenbrink zeigt dafür ein Beispiel, eine auf den ersten Blick unbemalte Leinwand. Ein Irrtum, denn "ich hatte mir die Aufgabe gestellt, Leinen auf Leinen zu malen", erzählt der Künstler. Als die Farbe auf dem Malgrund noch nass war, zog der frische Duft viele Mücken an. Sie erzeugten in der Farbe kleine weiße Ringe, die die Täuschung einer unbearbeiteten Leinwand perfekt machten.

Mühlenbrink verzichtet bei all seinen Bildern auf vorherige Skizzen. "Es gibt keine Vorbilder. Das sind alles Bilder, die in meinem Kopf sind."

(mit)