Solingen: Ein karges Leben mit Hartz IV

Solingen: Ein karges Leben mit Hartz IV

Heidrun Hunselar hat ihren Sohn allein groß gezogen und im Job nicht Fuß gefasst. Jetzt lebt sie von kaum 400 Euro.

Pastinaken, Portulak oder Möhren: Wer arm ist, hat große Freude an kleinen Dingen, weiß die Ohligserin Heidrun Hunselar. Auf das Überraschungspaket, das gerade mit dem Paketdienst gekommen ist, wartet die 62-Jährige schon seit gut einer Woche. Bestellt hat es die Hartz IV-Empfängerin bei einem Vertrieb für frische Lebensmittel im Internet.

Jetzt wird ausgepackt: Verschiedene Gemüsesorten, Spinat, Zucchini, Birnen und zwei Brotsorten kommen zum Vorschein. "Das reicht für eine ganze Woche für mich und meinen Sohn", freut sich die Frau, deren Weg als arbeitslose und alleinerziehende Mutter seit über 30 Jahren meist ganz unten verläuft.

Auch wenn sie mit einem Monatsbetrag von kaum 400 Euro auskommen muss, legt Heidrun Hunselar Wert auf frische und gesunde Kost. Zusammen mit ihrem Sohn Dany Robert, der seit mehr als zehn Jahren von der Grundsicherung lebt und im gleichen Haus wie seine Mutter wohnt, kocht die ehemalige Anwaltsgehilfin, was die 19 Euro teure Lieferung anbietet. Die kleine Küchenzeile dazu steht im winzigen Wohnzimmer. Alle Töpfe und Pfannen stapeln sich auf den Herdplatten, der schmale Schrank reicht für die Küchengeräte nicht aus. Den alten Kühlschrank hat Heidrun Hunselar ersetzt, der neue ist kleiner, verbraucht weniger Strom. Gekauft hat sie ihn im Internet, zahlt jetzt neun Raten zu je 17 Euro.

Dreht man sich um, steht da der Wohnzimmertisch, dahinter gleich die alte Schrankwand aus dem Sozialkaufhaus, davor eine Hantelbank und ein Heimtrampolin, ein Stuhl. Zwei Gewichte hat Heidrun Hunselar beim Discounter gekauft. 13 Euro hätten die damals gekostet, erinnert sie sich. Das alles und auch der Crosstrainer im Schlafzimmer, sind der gebürtigen Merscheiderin ebenso wichtig wie ein geregeltes, würdevolles Leben. Zu Bett geht sie früh, früh steht sie auf. Ein kleiner Spaziergang täglich. Wenig genutzt wird der Fernseher im Wohnzimmer der 35 Quadratmeter großen Wohnung, mehr dagegen der kleine Computer im Schlafzimmer. Facebook und Co. sind Heidrun Hunselars Tor zur Welt. Hier diskutiert sie mit Menschen, die sie niemals besuchen könnte.

Das Leben von Heidrun Hunselar ist seit Jahren auf Sonderangebote ausgerichtet. Sauerbraten-Gulasch und Rouladen im eigenen Saft, die Dose für zwei Euro. Die Sportgeräte sind aus dem Internet, die Möbel aus Haushaltsauflösungen. Stolz ist sie auf ihren vollen Kleiderschrank, gebrauchte Kleidung hängt darin. Was sie trägt, pflegt sie. Schon seit Jahren ist nichts Neues dazu gekommen. Die Solingerin leidet zudem an einer komplizierten Schilddrüsenerkrankung. Auf dem Tisch stehen homöopathische Medikamente. Auch die kosten Geld.

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"Ich habe keine Schulden", sagt Heidrun Hunselar und erinnert sich dabei an bessere Zeiten. Denn die gab es, nachdem die Solingerin lange ohne Arbeit war. Kleine Jobs, manchmal auch für einen Euro, aber nie mehr in ihrem erlernten Beruf. "Der ist sowieso schlecht bezahlt", sagt sie und betont, dass sie die Bewerbungen, die sie geschrieben hat, nicht mehr zählen kann. Jetzt ist sie 62 Jahre alt, hat gut 30 Jahre immer wieder gearbeitet. Wie hoch wird ihre Rente sein? Heidrun Hunselar schätzt: "So um die 400 Euro, mehr wohl nicht."

Irgendwann hat Heidrun Hunselar geerbt, nicht viel, aber immerhin war diese Reise mit dem Flussschiff nach Wien drin. Von der Donaumetropole schwärmt sie heute noch. Wohl auch, weil dort "Die Fledermaus" uraufgeführt wurde. Denn Operetten sind eine Leidenschaft der Ohligserin. Wann immer sie es sich leisten kann, geht sie dafür ins Theater. Vor Jahren hatte sie sogar ein Abo, jetzt nicht mehr. "Meine Schwester hat mir zwei Karten für 'Die Fledermaus' geschenkt", erzählt sie. Ein schöner Abend im Stadttheater sei es gewesen. Doch der endete mit der Angst im Bus auf der Heimreise. Dunkle Gestalten, noch dazu im letzten Bus aus der Innenstadt, sind der Ohligserin nicht geheuer, schon gar nicht, seitdem Sohn Dany in der City um Bargeld erleichtert wurde. "Seitdem traut er sich nicht mehr in die Stadtbücherei", sagt die Mutter und fragt sich, warum ausgerechnet die Armen die Armen beklauen.

Dany Robert (33) ist das einzige Kind von Heidrun Hunselar. Sie zog den Jungen ab dem zweiten Lebensjahr gleich nach der Scheidung alleine groß. Der 33-Jährige hat einen Hauptschulabschluss und keine Ausbildung, pendelt von Amt zu Behörde und wieder zurück. Perspektiven sieht er wohl nicht mehr. Einer, der intelligent ist, aber vom System irgendwie nicht anerkannt wird.

An Tagen wie diesen, wenn die Sonne scheint, macht sich Heidrun Hunselar ausgehfein. Dann nimmt sie ihren Sohn und mit dem Ticket 2000 fahren die beiden nach Düsseldorf. "Was es so alles gibt", will die Hartz-IV-Empfängerin dann sehen - in den Schaufensterauslagen entlang der Kö.

(RP)