Solinger Gotteshäuser: Ein Gasthaus am Weg

Solinger Gotteshäuser : Ein Gasthaus am Weg

Seit dem Jahr 1914 erhebt sich die Dorper Kirche auf einer der Anhöhen im Osten der Stadt. Sie ist ein bergisches Baudenkmal.

Die großen Gerüste, die die Außenfassade des trutzigen Turms fast in Gänze verdecken, sind das erste, schon weithin sichtbare Zeichen, dass das kleine Gotteshaus auf einer der Erhebungen im Osten der Stadt bald sein Gesicht verändert. Und auch im Inneren der im Jahr1914 eingeweihten Kirche sind die demnächst beginnenden Bauarbeiten kaum mehr zu übersehen. Denn die Handwerker, die in Kürze den Ton angeben, haben der großen Orgel mittlerweile eine Plastikplane verpasst, damit das wertvolle Instrument durch umher wirbelnden Staub keine Beschädigungen davon trägt.

„Das wird zwar augenblicklich von vielen Gemeindemitgliedern bedauert“, sagt Pfarrer Joachim Römelt. Aber es hilft alles nichts – die Dorper Kirche an der Schützenstraße kurz vor der Krahenhöhe ist nämlich nicht nur ein wichtiges Baudenkmal des „bergischen Jugendstils“, sondern zudem eine Art Gesamtkunstwerk, das als eines der Solinger Wahrzeichen längst weit über die Grenzen der Klingenstadt hinaus bekannt ist.

Ein Wahrzeichen, dass nun – nach einer ersten Sanierungsphase vor etwas mehr als zehn Jahren – einem ultimativen „Facelifting“ unterzogen wird. Bis Ende dieses Jahres soll der Turm restauriert werden. Unter anderem mit Hilfe der treuhänderischen Bürgerstiftung Dorper Kirche, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sowie aus Mitteln der Gemeinde und mit Spenden erhält der Turm nicht allein einen frischen Anstrich. Vielmehr ist ebenfalls vorgesehen, die in die Jahre gekommene Bausubstanz von Grund auf zu erneuern.

Was irgendwie passt. Denn als die Dorper Kirche am Voraband des Ersten Weltkrieges eröffnet wurde, symbolisierte der Bau seinerseits eine neue Zeit. Wenige Jahre zuvor war noch ein ganz anderer Baustil prägend gewesen, der sich bis heute zum Beispiel in der Lutherkirche manifestiert. Dieses Bauwerk, Luftlinie lediglich einige wenige Kilometer von Dorp gelegen, ist in seinem neoromanischen Stil noch ganz durchdrungen von der für das Deutsche Kaiserreich typischen Architektur historiografischer Bezüge – und damit doch „Lichtjahre“ entfernt vom eher nüchternen Stil der Dorper Kirche.

Ein Stil, der damals – um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert – von einer neuen gestalterischen Freiheit kündete. Historismus sowie stilistischer Dogmatismus wurden allmählich zurückgedrängt und machten einer auch mehr an regionalen Aspekten orientierten Kirchenarchitektur Platz, wie sie sich schließlich in der Dorper Kirche wiederfand. Im Klartext: Eines der Ziele des neuen evangelischen Kirchenbaus sollte darin bestehen, dass Gotteshaus als Teil der Umgebung im Weichbild der aufstrebenden sowie wachsenden bergischen Industriestadt Solingen aufgehen zu lassen, zu der Dorp seit dem Jahr 1889 gehörte.

Eine Stadt, die damals beständig wuchs. Im Zeitalter der Industrialisierung strömten auch in die Klingenstadt viele Neubürger, die als Fremde in einer noch stark konfessionell gebundenen Gesellschaft in ihren Kirchengemeinden Halt suchten und vielfach eine neue Heimat fanden.

Dementsprechend passt das vor einigen Jahren entwickelte Leitbild der Evangelischen Kirchengemeinde Solingen-Dorp zu der Geschichte des Gotteshauses. „Ein Gasthaus am Weg“ – nach diesem Grundsatz soll die Kirche des Architekten Arno Eugen Fritsche auch nach der endgültigen Sanierung ein Mittelpunkt des protestantischen Lebens in Solingen bleiben.

Allerdings, bis es so weit ist, muss die Gemeinde erst einmal ein paar Einschränkungen hinnehmen. So werden beispielsweise bis auf Weiteres die Vormittagsveranstaltungen wie die Schulgottesdienste von den Bauarbeiten tangiert werden. Das Gemeindefrühstück findet seit einigen Wochen wiederum in der Arche statt. Und einige Hochzeitspaare haben nach Auskunft von Pfarrer Joachim Römelt ihrerseits von der Idee Abstand genommen, sich in der Kirche trauen zu lassen.

Was indes alles nur ein Zwischenspiel ist. Denn voraussichtlich im November sind alle Arbeiten erledigt – und die Orgel wird wieder von der Plane befreit.

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