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Gedenken 25 Jahre Brandanschag: Die offene Wunde

Gedenken 25 Jahre Brandanschag : Die offene Wunde

Heute gedenkt Solingen der Opfer des fremdenfeindlichen Brandanschlags vor 25 Jahren. Noch immer hat die Stadt schwer an den Morden zu tragen.

Am Vorabend zum 25. Jahrestag des Solinger Brandanschlages auf die türkische Familie Genç haben namhafte Politiker gestern noch einmal ein würdiges Gedenken angemahnt. So forderte der bergische Bundestagsabgeordnete Jürgen Hardt (CDU) am Montag alle Seiten auf, die Gedenkveranstaltungen nicht für den Präsidentschaftswahlkampf in der Türkei zu missbrauchen. "Der Brandanschlag war ein schreckliches Ereignis", sagte Hardt, derweil mit Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) eine weitere führende Politikerin ihre Teilnahme an den Feierlichkeiten in der Klingenstadt ankündigte.

Bei dem Anschlag am 29. Mai 1993 hatten vier junge Rechtsradikale, die später wegen Mordes verurteilt wurden, das Haus der Familie Genç an der Unteren Wernerstraße angezündet. Fünf Mädchen und Frauen starben in den Flammen, acht andere Menschen trugen teils lebensgefährliche Verletzungen davon. Die Tat reihte sich ein in eine Serie ausländerfeindliche r Anschläge, die damals das Land erschütterte. Wobei gerade der Name Solingen zum Synonym für einen neuen Neonazismus wurde.

Dabei hätte jener Pfingstsamstag vor 25 Jahren zu einem ganz normalen Tag werden sollen. Ein langes Wochenende stand an, das Wetter präsentierte sich ähnlich schön wie aktuell - und viele freuten sich auf die freien Tage. Doch daraus wurde nichts. Denn der 29. Mai 1993 war gerade knapp zwei Stunden alt, als in Solingen plötzlich nichts mehr so schien wie zuvor. Tatsächlich sind sie Wunden, die die Täter gerissen haben, bislang nicht verheilt. Zwar mühte sich die Stadt nach dem Anschlag, mit der Schande umzugehen.

Initiativen wurden gegründet, die das Geschehene aufarbeiten sollten. So nennt sich Solingen inzwischen - nicht ohne Stolz - "Integrationsstadt". Gleichwohl wurde in den zurückliegenden Wochen erneut deutlich, dass manche immer noch ein rassistisches Denken pflegen, das 1993 so etwas wie den gesellschaftlichen Resonanzraum der Tat darstellte. Beispielsweise produzierte die Solinger AfD zuletzt Schlagzeilen, indem sie die Hinterbliebenen der Familie Genç verunglimpfte.

Dem soll mit dem heutigen Gedenken, etwa am Mildred-Scheel-Kolleg, entgegengetreten werden. Allerdings wird der Jahrestag - auch wegen der vielen Politiker, die nach Solingen kommen - nicht zu dem stillen Gedenken, das die Stadt geplant hatte. So werden neben dem türkischen Außenminister Mevlüt Çavusoglu dessen deutscher Amtskollege Heiko Maas sowie NRW-Vizeministerpräsident Joachim Stamp anreisen. Straßen sind gesperrt, in der Stadt herrscht eine hohe Sicherheitsstufe.

Gerade der Besuch des türkischen Ministers hatte Befürchtungen laut werden lassen, Çavusoglu könnte seinen Auftritt zu Wahlkampfzwecken missbrauchen. Man erwarte vom "türkischen Außenminister, aber auch von den Gegnern der aktuellen Politik in der Türkei, volle Zurückhaltung in politischen Fragen", unterstrich nun noch einmal CDU-Mann Jürgen Hardt, der parallel die Mutter und Tante der Mordopfer von 1993, Mevlüde Genç, als Beispiel für alle anderen hervorhob.

Sie habe "kurz nach dem Anschlag zu Frieden und Versöhnung aufgerufen und damit den Weg für ein friedliches Zusammenleben geebnet", sagte Hardt. MARTIN OBERPRILLER

(RP)