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Solingen: Dialog der Stimmen

Solingen : Dialog der Stimmen

Wer schweigt, verdrängt, wer schreibt, arbeitet auf und versucht zu verstehen. Begegnungen zwischen denen, die Diktatur erlebt haben, und den Jüngeren, die Erinnerung weiter tragen sollen, sind eher selten. Beim Literaturabend mit dem Titel "Freiheit leben", den das Kunstmuseum Solingen und die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft in Kooperation mit dem Oberbürgermeisterbüro im Kunstmuseum veranstalteten, kam eine solche nicht nur zustande, sondern war noch dazu ehrlich, locker und - überaus glaubwürdig.

Und das auch deswegen, weil den 1931 in Mecklenburg geborenen Hansjürgen Fenske im Grunde kaum einer kennt. Wie viele Leidensgenossen der Ex-DDR schrieb der Lektor und Restaurator erst spät seine Erlebnisse nieder und brachte sie dann, im Schatten der literarischen Prominenz, im Selbstverlag heraus, damit sie irgendwie eine Plattform finden konnten. Im Kunstmuseum wurde er ganz bewusst, wie Direktor Dr. Jessewitsch erklärte, als weniger bekannter Autor den prominenten Schriftstellern wie Biermann, Kunze und Herta Müller gegenübergestellt.

Selbst anwesend, rezitierte Fenske, nach vorausgehendem Interview, gemeinsam mit Carina Schulz, Larissa Dolassek, Asena Baykal und Lars-Erik Hackbarth von der August-Dicke-Schule, den Anfang des fünften Kapitels seines Buches "Wie ich meine Jugend überlebte" und entschied sich damit für jenen Abschnitt, der für die junge Generation heute so wichtig ist – den Beginn der friedlichen Revolution 1989.

Unterschiedliche Generationen

Und so entstand nicht nur eine Buchrezitation von vielen, sondern etwas viel Wertvolleres: ein – hervorragend gelesener – Dialog der Stimmen unterschiedlicher Generationen. Allein diese Begegnung war den Abend wert. Dass dieser noch mehr in petto hatte – schließlich sollte er ja, wie OB Norbert Feith in seinem Grußwort versprach, eine "Ouvertüre" sein, ein Auftakt diverser Veranstaltungen zur Verleihung der "Schärfsten Klinge" an Joachim Gauck – machte die doppelte Lesestunde umso interessanter.

Geistreich moderierte Hajo Jahn einen Rundgang durch die Gedankenwelt verfolgter Autoren, die von Claudia Gahrke, Andrea Witt, Bernd Kuschmann und Hans Richter, allesamt Schauspieler der hiesigen Bühnen, mit Wortwitz und Energie vorgetragen wurden. Da gab es auch ein Wiederhören mit Wolf Biermanns "Paradies uff Erden", mit Reiner Kunzes "Gegenwirklichkeit zur Waffe", mit einer Reflexion über den autoritären Staat von Herta Müller, mit Else Lasker-Schülers brillant von Claudia Gahrke rezitiertem Text "Komm mit mir in das Cinema" und mit Ury Avnerys "Märchen", einer von Hans Richter stark rezitierten Vision eines Israel-Palästina-Friedens.

Mit den virtuos von Bernd Kuschmann und Andrea Witt zur szenischen Lesung erhobenen Auszügen aus Friedrich Holländers Weg in den Weltruhm mit Marlene Dietrich durfte man noch mal durchatmen nach den zum Teil schweren Stoffen: ein rundes Finale für einen denkwürdigen Abend mit vielen Wörtern.

(RP)