Solingen: Der Sprengmeister

Solingen : Der Sprengmeister

Helmut Roller ist einer der bekanntesten Sprengtechniker Deutschlands. Der 74-Jährige wird am 18. Dezember das ehemalige Turmhotel zu Bruch gehen lassen. Wie das klappt, sehe man aber immer erst hinterher, sagt er.

Es nieselt, die Baustelle ist Sperrgebiet — betreten verboten. Ein monströser Bagger beißt sich mit seinem Zangenmaul durch den Beton. Knirschen, Knacken, Staub. Ein dunkler Mercedes steht nicht weit entfernt, bietet Schutz und verdreckt. Helmut Roller sitzt auf dem Fahrersitz. Seine großen Hände umgreifen das Lenkrad, sein ruhiger Blick haftet auf dem Bagger. Der 74-Jährige wird am 4. Advent das ehemalige Turmhotel sprengen.

"Ich wollte Hochöfen bauen", sagt er mit tiefer Stimme. Der Zufall wollte es anders. Nach dem Studium des Eisenhüttenwesens arbeitet er Anfang der 1960er zunächst als junger Ingenieur in seinem Fachgebiet, ist auf dem Karriereweg zum Hüttenwerksdirektor. Doch schon bald kommt er dabei mit einem Abrissunternehmen in Kontakt. "Damals habe ich die ersten Sprengungen gesehen und bei der Planung mitgeholfen. Ich war sofort fasziniert." Im Januar 1968 gründet er mit einem Partner das eigene Unternehmen für Sprengtechnik, zwei Monate später legen sie bereits das Monopoltheater in Solingen in Schutt und Asche.

"Das Kino stand ziemlich genau hier", sagt Roller und deutet durch die verschmierte Windschutzscheibe in den Nieselregen. Mittlerweile gehört sein Unternehmen einem Konzern, verantwortet zwischen 500 und 1000 Sprengungen pro Jahr — bundesweit. "Früher waren es mal doppelt so viele." Doch Maschinen, wie der monströse Bagger mit dem Zangenmaul, gehörten mit der Zeit zum Standardinventar eines Abrissunternehmens und machten viele kleinere Sprengungen überflüssig.

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"Das Turmhotel mit Sprengstoff zu zerstören ist aber sinnvoll. Es spart nicht nur Kosten sondern auch Zeit", sagt Roller. Denn obwohl es einen so großen Bagger gibt, der den Abriss ebenfalls erledigen könnte, bräuchte der Wochen. Dreck, Lärm, Erschütterungen seien den Anwohnern über so lange Zeit kaum zu vermitteln. "Bei Gebäuden mit vielen Stockwerken sind das die klaren Vorteile einer sauberen Sprengung: Sie geht schnell, ist meist günstiger, umweltschonender und sicher."

Dass aber auch mal was schiefgehen kann, weiß Helmut Roller nur zu gut. In seinen mehr als 40 Berufsjahren musste der gebürtige Düsseldorfer vor allem einmal Häme einstecken: Im Oktober 1980 gelang es ihm erst mit der sechsten Sprengung, ein 25 Meter hohes Malz-Silo in Krefeld dem Erdboden gleichzumachen. 17 Tage dauerte das. "Manchmal ist das halt so. Aber noch nie ist Menschen dabei etwas passiert", wehrt Roller ab. Und so berge auch die Sprengung des Turmhotels keinerlei Risiken. "Aller Asbest ist entfernt, Gesundheitsgefahr für Zuschauer besteht nicht." Und auch die Erschütterungen seien genau berechnet. Dennoch: Nervenkitzel gehöre für ihn immer noch zu jeder Sprengung. "Das Faszinierende ist ja, dass man immer erst hinterher sieht, wie es geklappt hat", sagt Roller mit einem Augenzwinkern.

Erfahrung hat der Sprengmeister genug. Genau deswegen ist er im Alter von 74 Jahren wohl noch immer nicht in Rente. "Es ist eben schwer, nochmal so einen Typen wie mich zu finden. Und noch ist jede weitere Sprengung die Schönste!"

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(RP)