Solingen „Der Kittel brennt“

Solingen · Der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes, Horst Gabriel, sieht Deutschland am Rande einer Rezession und hält die Lohnforderung der Industriegewerkschaft Metall für "total überzogen".

Als Vorsitzender des Solinger Arbeitgeberverbandes haben Sie am ersten Tarifgespräch für die rund 700 000 Beschäftigten der NRW-Metall- und Elektrobranche teilgenommen. Wie war die Stimmung?

Gabriel Die Gewerkschaft ist mit breiter Brust aufgrund der Ergebnisse des Vorjahres in das Gespräch reingekommen. Bei der Schilderung des aktuellen Zustandes der Wirtschaft war aber Betroffenheit bei den Gewerkschaftern zu spüren. Die IG Metall sieht, der Kittel brennt. Vom Gefühl her war die Auftaktsitzung der Tarifgespräche daher von einer ganz anderen Stimmung gekennzeichnet als früher.

Sie malen ein düsteres wirtschaftliches Bild und sehen Deutschland am Rande einer Rezession. Trifft das auch auf die Betriebe in Solingen zu?

Gabriel Speziell in Solingen gibt es seit Anfang des Jahres große Probleme im Bereich Schneidwaren. Der Absatz im Dollarraum hat sich deutlich verschlechtert. Jetzt ist auch die Automobilzulieferindustrie gebeutelt. Das bekommen wir täglich zu spüren. Aufträge werden zurückgestellt oder gar storniert. Hier geht es zurzeit heftig zur Sache. Für diese Panik sehe ich eigentlich keinen Grund, vielmehr sollte Ruhe bewahrt werden. Ich selbst werde dies in meinem Betrieb beherzigen, allerdings für 2009 auch keine großen Zuwächse einplanen.

Was passiert Ihrer Meinung nach, wenn die Löhne jetzt deutlich angehoben würden?

Gabriel Die Unternehmen sind momentan mit Preisermäßigungen konfrontiert, das heißt, wir müssen unsere Angebotspreise senken, um an Aufträge zu gelangen. Deshalb haben wir keinen Spielraum bei den Personalkosten. Konsequenz einer hohen Lohnsteigerung wäre deshalb, wir müssten Personal entlassen — was wir aber nicht wollen.

Es geht aber doch darum, die Arbeitnehmer am wirtschaftlichen Erfolg angemessen zu beteiligen. Der war in den vergangenen Jahren doch vorhanden oder sind die Gewinne bereits wieder verfrühstückt?

Gabriel Man muss beim Thema Gewinne immer sehen, von welcher Stelle man kommt. Es gab sicher Jahre, in denen die Firmen aus unserer Branche gute Gewinne erzielt haben. 2007 und bis Mitte dieses Jahres war das auch noch der Fall. Aber nur zu einem geringen Teil wanderten die Gewinne in die Tasche des Unternehmers, vielmehr wurden mit den Gewinnen die Eigenkapitalquoten der Firmen aufgestockt, in neue Maschinen investiert und überdies neue Mitarbeiter eingestellt. Investitionen sind wichtig, sonst entwickelt sich der Betrieb nicht weiter.

Sie sprechen davon, die Mitarbeiter fair an der wirtschaftlichen Entwicklung teilhaben lassen zu wollen. Was verstehen Sie darunter?

Gabriel Dass in Zeiten, in denen es den Unternehmen gut geht, die Mitarbeiter mit einer Sonder- beziehungsweise Einmalzahlung beteiligt werden. Gefährlich wäre eine prozentuale Erhöhung der Löhne, die unabhängig vom Erfolg des Unternehmens gezahlt werden müsste. Das hätte in schlechten Zeiten entsprechende Konsequenzen.

Welche Rolle spielt die internationale Finanzkrise? Hat sie Spuren bei den Solinger Unternehmen hinterlassen?

Gabriel Im Moment ist die Finanzkrise vor Ort noch nicht furchtbar hochgeschlagen. Es gibt nach wie vor Geldinstitute, die den Mittelstand mit Geld versorgen. Allerdings zu höheren Zinsen.

Die Lohnforderung der IG Metall steht. Ein Angebot der Arbeitgeber steht aber noch aus. Wann ist damit zu rechnen?

Gabriel Der Arbeitgeberverband wird in den nächsten Tagen ein Angebot unterbreiten — noch vor der Verhandlungsrunde für die NRW-Metall- und Elektroindustrie am 27. Oktober. Über die Höhe des Angebotes kann ich jetzt überhaupt noch nichts sagen.

Läuft es auf einen Streik hinaus oder sehen Sie Chancen, sich am Verhandlungstisch zu einigen?

Gabriel Es wird vermutlich Streiks geben, wir sind mit der Gewerkschaft noch weit auseinander. Bei den Tarifgesprächen am 27. und 31. Oktober werden wir sicherlich noch keine Lösung finden. Dafür brauchen wir Zeit.

Uwe Vetter führte das Gespräch.

(RP)
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