Solingen: Der Jugend Antworten geben

Solingen: Der Jugend Antworten geben

Ideen umzusetzen und nicht nur schöne Reden zu schwingen, ist Gerd Kaimer zeit seines Lebens wichtig gewesen. 13 Jahre war er Solinger Oberbürgermeister. Als Lehrer hat er sich insbesondere für bessere Bildungschancen seiner Schüler eingesetzt.

Dinge zu verstehen und Verständnis füreinander zu haben – das ist es, was Gerd Kaimer, wenn er zurückblickt, sein ganzes Leben lang am Herzen lag. "Das ist etwas anderes als Toleranz", sagt der 82-jährige ehemalige Oberbürgermeister Solingens. Denn die reiche oft nicht aus. "Man muss tiefer gehen und fragen, warum die Dinge so sind, wie sie sind." Und wer Kritik übe, müsse auch einen umsetzbaren Verbesserungsvorschlag bieten. "Nur zu sagen: ,Es darf keinen Krieg mehr geben', ist nicht von Erfolg gekrönt. Man muss auch sagen, was man dafür tun muss." Er ist zuversichtlich, dass dies dem neuen amerikanischen Präsidenten Barack Obama gelingt – "auch wenn sich dies noch zeigen muss".

Für sich selbst hat Gerd Kaimer dies ebenfalls beherzigt. Die Schrecken des Dritten Reichs wühlen ihn noch heute auf, hatte ihn das nationalsozialistische Regime doch mitten aus seiner naturverbundenen Kindheit zwischen Kohlsberg und Höhmannsberg gerissen. "Ich erinnere mich noch genau, wie ich mit elf Jahren mit meinem Freund Herbert im Wald gerade eine Bude gebaut hatte, als wir auf einmal von einer Gruppe des Jungvolks umstellt waren und mit ihnen mitgehen mussten." Denn die Eltern der beiden Jungen hatten ihre Kinder nicht, wie vorgeschrieben, bei der NS-Jugendorganisation angemeldet.

Es folgten ab 1940 weitere Schul- und Lehrerausbildung, Kriegseinsatz an der Maas und im Rothaargebirge und schließlich eine dreimonatige Gefangenschaft zusammen mit seinem Vater – einem Schleifer – in Remagen am Rhein. "Zusammen mit 250 000 Menschen hausten wir dort in Erdlöchern, die wir uns mit Löffeln gegraben hatten." Diese ganzen Erfahrungen prägten ihn. "Es war für mich das Letzte, einem jungen Menschen so etwas anzutun", sagt er. "Deshalb hatte ich mir fest vorgenommen, Lehrer zu werden und die Jugend das nicht noch einmal erleben zu lassen."

Den Wunsch setzte er um. Nach dem Krieg studierte er und begann 1947 an der Volksschule Katternberger Straße zu unterrichten. Ein Jahr später trat er der SPD bei. "Ich wollte die Schulreformen der 20er Jahre aufgreifen, weg vom Frontalunterricht, und hatte gehört, dass Rektor Anton Boos für gesellschaftspolitische Fragen sehr offen war."

Es war Kaimer wichtig, Kindern und Jugendlichen eine Anlaufstelle mit all ihren Fragen angesichts des Lebens in Trümmern zu bieten. Aus diesem Grund gründete er einen Kinderchor und 1985 mit Kulturamtsleiter Hans Demmer die Sängerjugend, sorgte für Wanderungen und Fahrten in Schullandheime. Der Gesang brachte ihn auch mit seiner Frau Friedel zusammen. "Ich hatte 1948 ein Singspiel für einen Kinderchor geschrieben, das im alten Stadttheater aufgeführt wurde", erzählt er. Seine spätere Frau saß mit einer Bekannten Kaimers im Publikum. Er brachte die beiden anschließend nach Hause. "Und da war es geschehen." Seit 1951 ist er mittlerweile mit ihr verheiratet. Noch heute geht er in jedes Konzert der Sängerjugend.

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1957 unterbrach Kaimer ein weiteres Studium in Köln, um einen Sitz im Solinger Stadtrat anzunehmen. Der gebürtige Elberfelder nutzte die vierjährige Amtszeit, einen Aufbauzug zur mittleren Reife an der Volksschule Zweigstraße politisch durchzusetzen. 1966 wurde er dort Rektor. 1969 gründete er das Lehrerseminar mit. Dass es nach wie vor in der Klingenstadt ist, freut ihn. "Es tut Solingen gut, denn von dort gehen wichtige Impulse für die Solinger Schulen aus."

Von der geplanten Privatschule des Bildungs- und Dialogvereins Spektrum hält er dagegen nichts. "Ich bin gegen Absonderung, weil sich daraus Parallelgesellschaften entwickeln können", erklärt der ehemalige Remscheider Schulrat. In den vorhandenen Schulen gebe es "1000fache Integrationsmöglichkeiten, wenn die Voraussetzungen wie genügend Lehrer, Räume, Materialien und Fördermöglichkeiten stimmen". Sollten diese Voraussetzungen fehlen, müssten sie eben geschaffen werden. "Vieles ist in Solingen auch schon auf den Weg gebracht."

Das meint er auch hinsichtlich der Integration von Zuwanderern. Als 1993 rechtsextreme Jugendliche den Brandanschlag verübten, war Gerd Kaimer Oberbürgermeister. "Dass unschuldige Menschen aus rassistischen Gründen umgebracht werden, ist das Schlimmste, das passieren kann", sagt der 82-Jährige. Er danke der Solinger Bevölkerung, dass sie vieles getan und ins Leben gerufen habe, um den Anschlag zu bewältigen.

Noch heute ist der SPD-Politiker, der regelmäßig rund um Schloss Burg wandert und Mitglied im Schlossbauverein ist, dabei, die Dokumente seiner 13-jährigen Amtszeit als ehrenamtlicher Oberbürgermeister zu sortieren. In seinem Arbeitszimmer am Magnolienweg haben sich über 20 Ordner angesammelt. "Vielleicht schreibe ich mal darüber." Vorerst jedoch archiviert er seine mehreren 1000 Fotos am Computer. "Mein erstes Foto stammt aus dem Jahr 1928", erzählt er. "Da war ich zwei Jahre alt."

(RP)
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