Solingen: Der Gute-Laune-Bär

Solingen: Der Gute-Laune-Bär

Wenn das verschuldete Solingen ein Wappentier für 2012 bräuchte, warum nicht den Goldbären – ein Markenzeichen für Erfolg. Eine Armee von 40 Milliarden kleiner Hoffnungsträger lagert bei Haribo an der Wuppertaler Straße.

Wenn das verschuldete Solingen ein Wappentier für 2012 bräuchte, warum nicht den Goldbären — ein Markenzeichen für Erfolg. Eine Armee von 40 Milliarden kleiner Hoffnungsträger lagert bei Haribo an der Wuppertaler Straße.

Solingen braucht Geld und gute Laune. Der Goldbär von Haribo steht für beides und das seit 90 Jahren. Als Haribo-Gründer Hans Riegel 1922 seine erste Bärenform für das essbare Gummitier entwarf, nannte er ihn Tanzbär. Und so war sein Auftrag klar: Wie sein Namensgeber es auf Jahrmärkten und Kirchweihfesten tat, sollte er die Stimmung der Menschen heben, die zu der Zeit so gar nichts zu lachen hatten. Erster Weltkrieg, Inflation, Weltwirtschaftskrise, die Aussichten waren düster, die Lust auf Ablenkung groß.

Der Tanzbär aus Fruchtgummi, der später Teddybär und seit 1960 Goldbär heißen sollte, wurde ein Verkaufsschlager und machte seinen Erfinder reich. Vielfach änderte das appetitliche Kunstprodukt seine Gestalt, überlebte einen erneuten Weltkrieg und begleitete die zerbombte und geteilte Heimat ins Wirtschaftswunder. So hätte der kleine Kinderfreund aus Gelatine allen Grund gehabt, ein Problembär zu werden, doch genau das tat er nicht: Er blieb bis heute, was er von Geburt an war: Ein Gute-Laune-Bär.

In unseren Tagen ist er etwa zwei Zentimeter groß, rund zwei Gramm schwer und vermehrt sich massenhaft. 100 Millionen Goldbären, also 20 Millionen mehr als Deutschlands Einwohnerzahl, werden täglich und weltweit auf den Produktionsstraßen eingetütet. Mit einem Band aus den aneinandergereiht stehenden Goldbären einer Jahresproduktion ließe sich viermal der Erdball umwickeln.

Als Journalisten bei der Eröffnung des für 20 Millionen Euro errichteten, neuen Haribo-Lagers an der Wuppertaler Straße im Oktober die Zahl der dort gelagerten Gummibärchen auf 40 Milliarden hochrechneten, wurde die Zahl von Haribo zwar offiziell nicht bestätigt, blieb aber unwidersprochen. Ha-Ri-Bo — Hans Riegel Bonn.

91 Jahre nach Gründung des Unternehmens könnte es auch Ha-Ri-So heißen. Denn der größte von 15 Produktionsstandorten weltweit ist Solingen. 1968 übernahm Haribo erste Anteile der Dr. Hillers AG, 1974 erwarb das Bonner Unternehmen die Solinger Firma ganz.

Heute ist der Standort sicher — ebenso wie die 840 Arbeitsplätze. Das bestätigen Werksleiter Arndt Rüsges und sein Vertreter Martin Drache. Rüsges ist zudem Mitglied der Geschäftsleitung im Gesamtkonzern, der mit weltweit mehr als zwei Milliarden Euro Jahresumsatz und 6000 Mitarbeitern zu den erfolgreichsten Familienunternehmen Deutschlands zählt.

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Die Struktur des Familienunternehmens sieht Rüsges als einen wichtigen Teil des Erfolgsrezeptes von Haribo. Der inzwischen 88-jährige Hans Riegel junior, kinderloser Sohn des Firmengründers, führt weiterhin den Konzern, allerdings mit Laptop und Smartphone, wie Rüsges anerkennend bestätigt.

Die beiden Söhne von Hans Riegels 2009 verstorbenem Bruder Paul haben inzwischen hochrangige Management-Positionen bei Haribo übernommen. Die Zugehörigkeit zu einem inhabergeführten Traditionsunternehmen schaffe Identifikation, auch bei den Mitarbeitern in Solingen, ist Rüsges überzeugt. Die geringe Fluktuation innerhalb der Belegschaft zeige das deutlich. Die Heimatverbundenheit reicht hinein bis in die Chefetagen. Rüsges selbst kommt vom Niederrhein, doch sein Vertreter Drache ist gebürtiger Solinger.

"Haribo macht Kinder froh . . . " — mit 98 Prozent weist der Werbeslogan den höchsten Bekanntheitsgrad auf. 98,9 Prozent der Befragten gaben an, die Marke Haribo zu kennen. " . . . und Erwachsene ebenso!" — die seit 1991 bestehende Werbepartnerschaft mit Thomas Gottschalk ist die längste der Welt. Wetten, dass der lebende "Gute-Laune-Bär" aus dieser lukrativen Werbe-Ehe so schnell nicht aussteigt?

Doch was ist das wahre Geheimnis des Goldbären? Als dritte wichtige Erfolgssäule nennt Rüsges die besondere und gleichbleibende Qualität des Produkts. Die Zutaten sind bekannt: Glucose-Sirup machen die Bärchen durchsichtig, Zucker und Dextrose machen sie süß, Gelatine gummiartig.

Hinzu kommen Frucht und Pflanzenkonzentrate, Aromen, Stärke und etwas Citronensäure. Doch das genaue Rezept, nach dem die Zutaten computergesteuert ausgewogen und in riesigen Stahlkesseln gemischt werden, kennen nur Eingeweihte. "Hier in Solingen sind es drei Personen", verrät Rüsges. Die Rezeptur liegt sicher verwahrt im Tresor des Chefs.

Der Goldbär ist also ein Supermann — erfolgreich, verlässlich, potent. Ein Vorbild und ein Hoffnungsträger für unsere Stadt. Ein Stehaufmännchen, geboren in schlechten Zeiten, in denen die Kassen leer waren. Eine gute Idee, ein stimmiges Rezept, Beharrlichkeit und Qualitätsbewusstsein haben den kleinen Goldbären so groß gemacht.

(RP)
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