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Solingen: Der akzeptierte Rausch

Solingen : Der akzeptierte Rausch

Dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die sich bis zum Vollrausch betrinken, wieder steigt, liegt nach Ansicht des Chefarztes der Kinderklinik, Volker Soditt, auch daran, dass Trinken offenbar gesellschaftlich akzeptiert ist.

Kinder und Jugendliche, die sich bis zur Bewusstlosigkeit betrinken, müssen in die Klinik. Dort wachen sie morgens in Windeln auf, für viele ist das ein heilsamer Schock. Doch offenbar nicht schockierend genug, denn nach einer Erhebung der DAK ist die Zahl der Komasäufer in Solingen im vergangenen Jahr wieder angestiegen.

77 Kinder und Jugendliche, die wegen Alkoholvergiftung in Kliniken behandelt werden mussten, verzeichnet das Statistische Landesamt für das Jahr 2010. Elf von diesen Patienten waren noch keine 15 Jahre alt, der jüngste war gerade mal zehn. Zum Vergleich: Im Jahr 2003 waren es insgesamt 17, davon zwei unter 15 Jahren.

Eine Tendenz, die auch Dr. Volker Soditt bestätigen kann. In der von ihm geleiteten Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Städtischen Klinikum landen die Komatrinker, weil sie dort die bestmögliche Behandlung bekommen.

Immer mehr Fälle

Bis Oktober dieses Jahres waren schon 48 Kinder und Jugendliche in der Klinik, die wegen exzessiven Alkoholmissbrauchs behandelt werden mussten. "Subjektiv empfinde ich einen Anstieg der Zahlen", sagt der Chefarzt, "im Laufe der letzten Jahre haben sich die Fallzahlen verdoppelt." Früher, so Volker Soditt, habe er in seiner Klinik ein bis zwei Fälle im Monat behandeln müssen, heute sei es mindestens ein Fall pro Woche, meistens mehr.

Und das längst nicht nur abends oder an Wochenenden. Dass häufig auch Kinder dabei sind, findet der Chefarzt besonders besorgniserregend. Viele der Kinder und Jugendlichen, die im Klinikum behandelt werden müssen, sind "Ersttäter". Doch es gibt durchaus auch Fälle, in denen die Erfahrung einer Alkoholvergiftung nicht dazu führte, dass die Jugendlichen nicht mehr exzessiv trinken.

Volker Soditt denkt, dass es auch die offenbar zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz des Komasaufens ist, die zum Anstieg der Fälle führt. Früher, so weiß der Chefarzt, der selbst zwei Kinder hat, wurde ja auch Alkohol getrunken unter Jugendlichen, doch das Trinken bis zur Bewusstlosigkeit ist erst in den letzten Jahren in Mode geklommen.

"Laut Statistik stieg die Zahl der Fälle von Komatrinken in Solingen 2010 im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent", erklärt Rainer Lange von der DAK-Pressestelle in Düsseldorf. Die Krankenkasse setzt daher ihre Präventionskampagne "bunt statt blau — Kunst gegen Komasaufen" mit Unterstützung von NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens fort.

Derzeit werden bundesweit 11 000 Schulen angeschrieben und zur Teilnahme eingeladen, davon 14 in Solingen. "Gerne würde ich Oberbürgermeister Norbert Feith als Schirmherrn für unsere Kampagne gewinnen", sagt Rainer Lange. Die Band "Luxuslärm" hat ihre Teilnahme an der Kampagne bereits zugesagt.

Beim Plakatwettbewerb "bunt statt blau" haben über 12 000 Schüler mit Kunst und Kreativität ein Zeichen gegen Komasaufen gesetzt. "Wir werden auch im nächsten Jahr das Thema in unserer Region auf den Stundenplan nehmen, um langfristig eine Trendwende zu erreichen", sagt Frank Heckters von der DAK in Solingen.

Das versucht auch Volker Soditt mit seinem Team in der Klinik. Die Jugendlichen, die gewindelt und am Tropf im Klinikbett aufwachen und dann von ihren Eltern abgeholt werden müssen, überlegen sich vielleicht beim nächsten Mal, ob sie sich wieder so sinnlos betrinken.

(RP)