Prof. Dr. Markus Heuser: "Das Wir-Gefühl im Klinikum verbessern"

Prof. Dr. Markus Heuser: "Das Wir-Gefühl im Klinikum verbessern"

Der Mediziner spricht über mehr ältere Patienten, seine Tätigkeit als Chefarzt und niedergelassener Arzt sowie übers Klinikum.

Wer auf "Prösterchen" mit "Prostata" antwortet, ist wahrscheinlich jünger und war noch nie mit Beschwerden beim Urologen. Merken Sie an den Fallzahlen, dass die Solinger Bevölkerung älter wird ?

Heuser Unter meinen Patienten sind tatsächlich viele Ältere. Und das Vorkommen des Prostata-Karzinoms steigt. Auch die Anzahl der Katheterträger in Solingen nimmt zu, insbesondere solche mit Bauchdeckenkathetern als Dauerlösung nach Schlaganfällen. Das wird noch ein riesiger Bedarf werden.

Wie sehr muss sich ein Patient fürchten, bei dem ein Prostata-Karzinom entdeckt wird?

Heuser Das Prostata-Karzinom ist ein besonderer Tumor. Seine Häufigkeit nimmt zu, aber die Sterblichkeit bleibt konstant oder nimmt sogar ab. Dafür sorgen wir mit unseren Therapien, mit Bestrahlungstechniken und neuen wirksamen Medikamenten für Blase und Niere. Seit Jahren geht die Anzahl der Operationen zurück. Das Prostata-Karzinom ist einer der wenigen Tumore, wo man auch einmal zuwarten kann. Diese "aktive Überwachung" wird von allen Solinger Urologen betrieben.

Und wenn Sie trotzdem operieren müssen ?

Heuser Dann tragen wir im Klinikum mit einer Elektroschlinge Gewebe ab, wobei die Blutgefäße verschlossen werden. Alternativ kann man auch Gewebe verdampfen, aber dann bleibt nichts mehr zur Untersuchung durch den Pathologen übrig. Bei Krebs kommen die Totaloperation oder aber eine Bestrahlungstechnik in Frage. Den Laser bieten wir derzeit nicht an, weil man mit ihm nicht nur gute Erfahrungen gemacht hat.

Sie behandeln auch Kinder und Frauen. Aber Männer scheinen Sie am nötigsten zu brauchen.

Heuser Das stimmt, weil die zweite Haupttätigkeit die Behandlung der gutartigen Prostatavergrößerung ist. Häufig kümmern wir uns zudem um die Entfernung von Steinen.

Sie sind nicht nur Chefarzt am Klinikum, sondern haben Oktober 2016 auch die Praxis von Dr. Eugen Polonski an der Goerdelerstraße übernommen. Das ist ungewöhnlich.

Heuser Es ist schon eine sehr seltene Konstellation. Dass niedergelassene Ärzte am Klinikum tätig sind, kommt dagegen häufiger vor. Es ist nicht gewöhnlich, was ich hier mache. Aber es ist ein gutes Konzept. Für die Praxis an der Goerdelerstraße gab es keinen Nachfolger, obwohl der 73-jährige Inhaber lange gesucht hat. Die Praxis wäre geschlossen worden.

Im August 2017 haben Sie die Praxis von der Goerdelerstraße in das Haus D des Klinikums verlegt. Was waren die Gründe?

Heuser Zum einen, dass die Räume an der Goerdelerstraße zu groß waren. Für mich ist ganz entscheidend, dass meine Praxis am unteren Rand der Leistung fährt - mit 20 Sprechstunden pro Woche sozusagen auf Sparflamme. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass die Klinik alles an sich zieht und kann auch nicht mehr leisten. Andererseits brauche ich auch die Nähe zum Klinikum. Ich biete Biopsien (für Gewebeproben, d. Red.) und weitere Leistungen an, die andere nicht übernehmen können oder wollen.

Gab es trotz der Stunden-Beschränkung Kritik von Kollegen?

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Heuser Die anderen urologischen Praxen sind voll bis obenhin. Wir leben in einem gedeckelten System, in dem wir nur bestimmte Leistungsmengen erbringen dürfen. Von dem halben Dutzend Solinger Urologen haben zwei die kassenärztliche Zulassung zurückgegeben und behandeln nur noch Privatpatienten. Das hat auch zur Verknappung beigetragen. Patienten, auch alte und gebrechliche, wären gezwungen, nach Wuppertal oder Hilden zu fahren.

Sie gehören zu den Ärzten, die noch Hausbesuche machen.

Heuser Ich mache das gerne, etwa sechs bis sieben Mal pro Woche. Es macht mir großen Spaß. Es ist vorteilhaft, dass man Patienten auch außerhalb der Klinik in ihrem Lebensumfeld sieht. Außerdem ist es viel sinnvoller, beispielsweise einen Katheter beim Patienten zu Hause zu wechseln, als ihn alle vier bis sechs Wochen mit einem Krankenwagen in die Klinik bringen zu lassen. Da entstehen wahnsinnige Kosten. Deshalb betreue ich auch die Bewohner einer Solinger Seniorenresidenz in ihren Zimmern.

Sie haben sich an der European Business School in Oestrich-Winkel zum Gesundheitsökonomen weitergebildet. Warum?

Heuser Ich habe die Weiterbildung als sehr interessant empfunden. Ein Gesundheitsökonom versucht, die Brücke zwischen der Krankenhausarbeit und der betriebswirtschaftlichen Seite zu schlagen. Es geht um Bilanzen, Marketing, Preisbildung und Erlöse.

Wie sieht aus der Sicht eines Chefarztes und Gesundheitsökonomen die Lage am Städtischen Klinikum aus? Sie waren selbst ein Jahr lang stellvertretender Ärztlicher Direktor. Man hört immer mal von fehlenden Problemlösungen, von mangelnder Wertschätzung untereinander, von Unverbindlichkeit und rigiden Strukturen.

Heuser Die Mitarbeiter am Klinikum arbeiten wie die Verrückten, weil sie sich der schwierigen Situation bewusst sind. Ich glaube aber auch, dass das Wir-Gefühl verbessert werden muss. Partikularinteressen stehen manchmal über dem Gemeinwohl. Man wird ja auch bewertet, wie der eigene Laden läuft. Ich fand es als Ärztlicher Direktor sehr schwer, alle Interessen objektiv zu berücksichtigen.

Heißt das, die Zukunft sieht schwarz aus?

Heuser Wir haben nicht immer richtig gehandelt, sind jetzt aber auf einem guten Weg. Uns kann es nur gut gehen, wenn es dem Unternehmen in seiner Gesamtheit gut geht. Weil wir ein städtischer Versorger sind, können wir uns nicht die Rosinen herauspicken. Zu uns kommt jeder mit allen möglichen Beschwerden. Wir können auch nicht auf einen Schlag 1000 Katheter kaufen wie ein Klinik-Konzern und so einen besseren Preis erzielen, sondern nur 100. Deshalb müssen wir Synergien schaffen und mit anderen Krankenhäusern kooperieren.

Eine niedergelassene Ärztin hat gerade eine Klage gegen das Bewertungsportal Jameda gewonnen. Sie wehrte sich dagegen, dass bezahlte Anzeigen von Kollegen auf "ihrer" Seite auftauchten. Können Sie den Ärger nachvollziehen ?

Heuser Das kann ich, weil ich auch betroffen war. Aber früher war es noch viel schlimmer.

FRED LOTHAR MELCHIOR FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(flm)