Telefonseelsorge: Das Handwerk des Zuhörens

Telefonseelsorge: Das Handwerk des Zuhörens

Gut 35 Ehrenamtler engagieren sich bei der Telefonseelsorge Solingen, um verzweifelten Menschen an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr helfen zu können. Im vergangenen Jahr gingen weit über 6000 Anrufe ein.

Tief in der Nacht, meist zwischen 1 Uhr und 3 Uhr werden die Anrufe mehr und die Gespräche intensiver, weiß Telefonseelsorger Hans Frantzen. Dann rufen die Menschen an, die es vor Einsamkeit nicht aushalten können. „Während viele unserer Anrufer am Tag noch ein bisschen Abwechslung haben, erdrückt sie nachts die Stille und das Alleinsein besonders“, sagt der 78-Jährige. Er erzählt aus seiner achtjährigen Zeit als verständnisvoller Gesprächspartner am anderen Ende der Telefonleitung.

In dieser Zeit erfuhr Frantzen mehr von den Problemen seiner Mitmenschen, als er erzählen kann und will. Denn Diskretion und Anonymität sind das oberste Gebot aller Telefonseelsorger. Niemals würden Frantzen und seine 34 Mitstreiter Daten oder Persönliches Anderer herausgeben.

Gerade erst ist er wieder zum Vorsitzenden des kleinen Vereins gewählt worden. Die Telefonseelsorge Solingen gibt es seit 1977 – alles wird durch Spenden finanziert. Geld, das an allen Ecken fehlt, genauso wie neue Leute. Gerade erst haben wieder wichtige Helfer den Verein verlassen.

Denn die Telefonseelsorge Solingen hat einen hohen Anspruch. An sieben Tagen in der Woche, 24 Stunden lang will man für alle Hilfesuchenden da sein. Weit über 6000 Anrufe gingen im vergangenen Jahr in den drei Büroräumen irgendwo in Solingen ein. Eine genaue Adresse verrät der Vorsitzende nicht. Nicht nur die Anrufer und ihre Daten, auch seine Helfer und Helferinnenmüssen geschützt werden.

90 Prozent der aktiven Mitglieder sind Frauen, die meisten sind berufstätig und zwischen 40 und 60 Jahren alt. „Sie kommen aus allen Schichten, empfinden ihr Ehrenamt als wichtige Aufgabe, die sie erfüllt“, sagt Frantzen und ergänzt: „Unsere Helfer werden gewissenhaft geschult, um mit den Sorgen und Nöten der Anrufer umgehen zu können.“ Frantzen selbst ist seit zwei Jahren Witwer, hat drei Söhne und längst Enkelkinder. Als er mit fast 70 aufhörte, den Vertrieb eines großen, deutschen Unternehmens zu leiten, fehlte ihm eine echte Aufgabe.

In einer Zeitungsannonce wurde er fündig. Dort suchte die Solinger Telefonseelsorge neue Mitstreiter. Der gebürtige Kölner ließ sich ausbilden in einem Job, den längst nicht jeder machen kann. In sich ruhen sollte man, und – noch wichtiger – mit den Sorgen der anderen umgehen können, ohne all das Leid zu nah an sich heranzulassen.

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Lange vor dem ersten Gespräch, das die Telefonseelsorger mit Hilfesuchenden führen, steht eine fundierte Ausbildung. „Und davor mehrere Gespräche mit den neuen Bewerbern“, ergänzt Hans Frantzen. Ein Jahr dauert die Schulung, am Ende winkt ein Zertifikat. In gut 120 Stunden lernen die neuen Helfer von Psychologen oder Geistlichen das Handwerk des Zuhörens.

Aber auch danach im Telefonseelsorgeralltag werden sie nicht alleine gelassen. „Drei Psychologen kümmern sich in Supervisionen um unsere Leute, wenn es zu schwer wird, Gehörtes alleine zu verarbeiten“, sagt der Vorsitzende.

Manchmal ist dennoch alles zuviel. Auch die Anzahl der Anrufer. Damit auch alle bedient werden können, hat man sich in der Region zusammengeschlossen. Wuppertal, Neuss und Düsseldorf bilden mit Solingen eine Einheit. Ist die eine Stadt besetzt, schaltet das Telefon automatisch auf einen freien Apparat. Viereinhalb Stunden dauert so eine Schicht – und das kann, besonders in der dunklen Jahreszeit, an manchen Tagen sehr lang sein.

Aber warum rufen Menschen an und dann noch so viele ? Hauptgrund sei die Einsamkeit, sagt der erfahrene Helfer. „Unvorstellbar sei es, wenn gerade Ältere ganz allein sein würden, weil sie keine Nachbarn oder Freunde mehr hätten und sich selbst die Kinder nicht mehr um sie kümmern würden“, sagt Hans Frantzen.

Aber auch von Beziehungsproblemen hören die Seelsorger. Hinzu kommen chronische Krankheiten und ungelöste Probleme wie Sucht oder eine nicht behandelte Depression. Dann kann ein Gespräch schon einmal länger dauern, aber selten überschreiten die Helfer die Zeitstunde.

Was ihn besonders berührt habe in all den Jahren? Nach längerer Überlegung erzählt er: „Ein junger Mensch, allein ohne Freunde, schwer krank dazu und dadurch arm und perspektivlos. Das ist schwer zu verstehen.“ Hans Frantzen schüttelt den Kopf: „Da kommt einfach viel zu viel zusammen.“ Und dann kann auch er nur noch trösten.

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