Interview: Hans-Reiner Häußler: Das Ehrenamt ist kein Jobkiller

Interview: Hans-Reiner Häußler: Das Ehrenamt ist kein Jobkiller

Die Freiwilligen Agentur besteht jetzt seit zehn Jahren. "Neue Ehrenamtler werden immer gesucht", sagt der Vorsitzende.

Was war vor zehn Jahren der Anlass, die Solinger Freiwilligen Agentur zu gründen?

Häußler Es gab eine Veranstaltung zum Thema Ehrenamt, in der Möglichkeiten des Einsatzes dargestellt und auf den steigenden Bedarf an ehrenamtlich Tätigen hingewiesen wurde. Am Ende fragten etliche Teilnehmer, wie und wo sie sich genau einbringen könnten - und niemand fühlte sich zuständig.

Wer hat die Initiative ergriffen?

Häußler Der Solinger Unternehmer Karl-Willi Bick hat die Initiative ergriffen, die Solinger Freiwilligen Agentur zu gründen. Er war Teilnehmer dieser Veranstaltung und hat sich gesagt: Es kann doch nicht sein, dass sich Leute ehrenamtlich engagieren möchten und keiner weiß, wo und wie. Die Gründungsversammlung fand im Übrigen am 29. November statt.

Wie viele Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, hat die Agentur im Laufe der zehn Jahre vermittelt ?

Häußler Wir haben inzwischen mehr als 800 Beratungsgespräche geführt. Davon sind 700 Personen vermittelt worden.

Ist dieses Engagement auf bestimmte Altersgruppen begrenzt ?

Häußler Nein. Natürlich ist die Altersgruppe 60 + mit rund zwei Dritteln am stärksten vertreten. Es handelt sich überwiegend um Senioren und angehende Rentner, die einfach beruflich nicht mehr so gefordert sind wie die Jüngeren. Erfreulich ist aber, dass sich besonders in letzter Zeit auch Jüngere ehrenamtlich engagieren möchten. Unser eigener Webmaster zum Beispiel ist 19 Jahre alt, steht kurz vor dem Abitur und hat mit 13 Jahren unsere erste Internetseite erstellt. Unser ältester Ehrenamtler ist Mitte 80.

In welchen Bereichen ist ehrenamtliches Engagement besonders gefragt?

Häußler Wir haben fünf große Bereiche, in denen man sich ehrenamtlich engagieren kann: Kinder, Schule, Jugend - Senioren - Soziales - Kultur - Natur und Umwelt. In allen Bereichen gibt es großen Bedarf an Ehrenamtlern. Etwa je ein Viertel bringen wir in Kitas und Schulen sowie in Seniorenheimen unter. Übrigens: Auch Menschen mit Handicap können sich ehrenamtlich betätigen.

Suchen Sie weitere Mitstreiter?

Häußler Wir suchen immer "Einsatzkräfte", da der Bedarf an ehrenamtlich Tätigen enorm groß ist und weiter steigt. Wichtig ist, dass der Ehrenamtler keinen hauptamtlich Beschäftigten ersetzt. Ehrenamt ist also kein Jobkiller. Der Ehrenamtler übernimmt immer Aufgaben, die der Hauptamtler nicht mehr oder nur noch unzureichend erfüllen kann. Überall fehlt Geld, und überall muss gespart werden.

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Ist der Ehrenamtler auf sich gestellt oder hat er einen Ansprechpartner?

Häußler Der Ehrenamtler hat immer einen hauptamtlichen Ansprechpartner. Je nachdem, welche Tätigkeiten er oder sie ausübt, werden Einarbeitung, Fortbildung, Reflexion und Supervision angeboten. Bei bestimmten Tätigkeiten wird eine Einarbeitung vorausgesetzt.

Muss man sich für einen längeren Zeitraum an die Solinger Freiwilligen Agentur binden, oder sind auch kurzfristige Einsätze denkbar ?

Häußler An die Solinger Freiwilligen Agentur muss sich niemand binden. Ein Ehrenamtler muss nicht Mitglied werden, kann es natürlich. Aber mit dem Ehrenamt gehen sie eine Verpflichtung ein. Nur der Ehrenamtler selbst bestimmt, wie häufig er sich bindet. Es geht sieben Tage die Woche oder eine Stunde im Monat. Üblich sind ein, zwei Tage pro Woche. Man kann sich aber auch projektbezogen engagieren, beispielsweise beim Ferien(s)pass. Seit kurzem bieten wir darüber hinaus die Möglichkeit, sich einer "Feuerwehrtruppe" anzuschließen, also auf Abruf bereit zu stehen. Das bietet vor allem denjenigen eine Möglichkeit zum ehrenamtlichen Engagement, die sich nicht so eng binden möchten.

Sie bieten regelmäßig Beratungsstunden in der Stadtbibliothek an, seit einiger Zeit aber auch in den Stadtteilen Ohligs und Wald. Wie wird dieses Angebot angenommen?

Häußler Mit der Teilnahme an den Beratungsgesprächen sind wir zufrieden. Aber mehr könnten es immer sein. Ich glaube, dass sich das auch erst einspielen muss. Wir haben damit ja erst dieses Jahr angefangen. Ermöglicht wurde es dadurch, dass wir für uns selbst gute Ehrenamtler gefunden haben. Wir sind jetzt sieben Beraterinnen und Berater, die auch alle ehrenamtlich tätig sind. Sollte jemand an den angebotenen Beratungen nicht teilnehmen können, verabreden wir auch gerne individuelle Termine - etwa für Berufstätige.

Wie finanziert sich die Solinger Freiwilligen Agentur ?

Häußler Über Mitgliedsbeiträge, die mit 20 Euro pro Jahr sehr bescheiden sind. Bei 30 Mitgliedern können wir keine großen Sprünge machen. Wir bieten aber auch Unternehmen die Möglichkeit, Mitglied zu werden. Sie können ihren Beitrag selbst festlegen, mindestens jedoch 100 Euro pro Jahr. Natürlich freuen wir uns über jedes neue Mitglied oder über jede Spende. Denn auch wir haben laufende Kosten, auch wenn wir kein Büro betreiben. Bei größeren Projekten sind wir auf Spenden angewiesen. Da wir als gemeinnützig anerkannt sind, können wir Spendenbescheinigungen ausstellen.

Wie kamen Sie selbst zur Agentur ?

Häußler Ich war auch so ein typischer Kandidat: Nach Beendigung meines Berufslebens als Geschäftsführer eines Industrieverbandes habe ich zunächst zuhause "aufgeräumt". Dann wollte ich etwas Sinnvolles tun, wusste aber nicht was und wo. Irgendwann brachte meine Frau, die im Übrigen bei den "Grünen Damen" tätig ist, einen Flyer der Solinger Freiwilligen Agentur mit. Und so bin ich dann vor fast drei Jahren in die Beratungsstunde gegangen und habe mich von Karl-Willi Bick beraten lassen. Bei dem Gespräch stellte sich heraus, dass auch der Verein selbst jemanden suchte - also bin ich "hängen geblieben". Mir macht die Arbeit sehr viel Spaß, und so habe ich zum 1. April 2014 den Vorsitz von Herrn Bick übernommen. Er ist jetzt unser Ehrenvorsitzender, steht immer noch mit Rat und Tat zur Verfügung und springt ein, wenn "Not am Mann" ist.

UWE VETTER FÜHRTE DAS GESPRÄCH

(RP)
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