Das alte Solingen ganz modern von oben

Digitaler historischer Atlas : Moderner Blick auf das alte Solingen

Der digitale Historische Atlas richtet sich an geschichtlich Interessierte und bietet Online-Einblicke in die Vergangenheit.

Der breite Gleiskörper, der Ohligs in ein West- und ein Ostquartier teilt, ist deutlich sichtbar. Und auch die Düsseldorfer Straße hat bereits ihren charakteristisch-geschwungenen Verlauf. Aber ansonsten bedarf es schon eines geübten Blicks, um auf den inzwischen über 90 Jahre alten Fotos jene Stadt zu entdecken, die ein knappes Jahrhundert später zwar immer noch an der exakt gleichen Stelle liegt, ihr Erscheinungsbild seitdem jedoch fast bis zur Unkenntlichkeit verändert hat.

Der Turm der Stadtkirche in Mitte, der ebenfalls auf einer von insgesamt 90 Schrägbild-Luftaufnahmen aus dem Jahr 1926 zu sehen ist, erinnert jedenfalls in keiner Weise mehr an den heutigen Bau aus den 1950er Jahren. Wobei die historischen Fotos von Solingen aus der Vogelperspektive nur ein Teil jenes digitalen Historischen Atlasses sind, der vom Stadtarchiv Solingen erstellt wurde und seit wenigen Tagen im Internet abrufbar ist.

Unter der Webadresse www.solingen.de/de/inhalt/historischer-atlas-solingen/ können unter anderem ausgewählte Karten, Stadtpläne, Fotoaufnahmen und eben die besagten Luftbilder abgerufen werden, die zwei Jahrhunderte Solinger Stadtgeschichte anschaulich machen und sozusagen einen modernen Blick auf das alte Solingen gewähren.

Gleichwohl bleibt das Auge des Betrachters nicht einfach starr in einer geschichtlichen Epoche hängen. Vielmehr erlaubt es die digitale Atlas-Technik, auch historische Prozesse nachzuverfolgen, wenn neben den alten Schrägaufnahmen aus der Mitte der 1920er Jahre beispielsweise moderne Fotos erscheinen, so dass die Veränderungen der Stadtstruktur förmlich greifbar zu werden scheinen.

Tatsächlich wurden die Bilder im Jahr 1926 aufgenommen, weil die Stadt Solingen seinerzeit mit einer Imagekampagne für den Zusammenschluss der damals noch selbstständigen Orte Solingen, Ohligs, Höhscheid, Wald sowie Gräfrath zu „Groß-Solingen“ werben wollte. Mit Erfolg, denn drei Jahre später, im Jahr 1929, war es schließlich soweit und die moderne Großstadt Solingen wurde geboren.

Was allerdings nicht bedeutete, dass die Stadt schon eine baulich geschlossene Einheit wie heute bildete. Im Gegenteil, auf den gleichsam im digitalen Historischen Atlas abrufbaren Karten ist erkennbar, wie die einzelnen Stadt-Teile erst mit der Zeit enger aneinander rückten, ehe sie im Lauf der Jahre großteils verschmolzen.

Dabei ist das Angebot des Atlasses im Internet einfach handhabbar. Auf der Startseite taucht zunächst eine Übersichtskarte auf, die das Stadt-Vermessungsamt der neuen Großstadt Solingen im Oktober 1929 herausbrachte und die auf Basis von Karten der fünf bislang selbstständigen Städte erstellt worden war. Von dieser Karte aus sind weitere Funktionen in Form von Bildern und Karten abrufbar, die dann ihrerseits die Zeitreise durch die Stadtgeschichte ermöglichen.

Das älteste verfügbare Kartenwerk stammt aus dem Jahr 1826 und zeigt die Gemeinde Burg. Darüber hinaus sind historische Karten etwa von Dorp sowie allen anderen Stadtteilen einsehbar, derweil die älteste Senkrecht-Luftbildkarte aus dem Jahr 1928 stammt. Historiographisch besonders interessant sind zudem auch die alten Grenzen innerhalb der heutigen Stadt Solingen. Diese können über eine Menueleiste am rechten Rand der Internetseite aktiviert werden und geben dann einen Eindruck von der geschichtlichen Vielschichtigkeit der bergischen Region.

Kaum wiederzuerkennen: die Solinger Stadtmitte mit dem alten Turm der evangelischen Stadtkirche im Jahr 1926. Auch die meisten Straßenverläufe haben sich geändert. Foto: Stadtarchiv solingen/Stadtarchiv Solingen

Die Verantwortlichen des Stadtarchivs Solingen sind zuversichtlich, mit dem digitalen Historischen Atlas ein neuartiges Angebot geschaffen zu haben, das nicht allein Historiker in seinen Bann ziehen wird. „Der Atlas bietet vielfältige und individuelle Möglichkeiten, um Straßen, Plätze, Ortschaften und Gebäude zum Zeitpunkt der Aufnahme zu betrachten“, heißt es dazu bei der Stadt.

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