Daniel Jurgeleit erinnert sich an seine Zeit bei Union Solingen

Interview Daniel Jurgeleit : Der Schnaps-Trick vom Hermann-Löns-Weg

„Es war eine wunderbare Zeit“, sagt der ehemalige Stürmer von Union Solingen über sein Engagement in Ohligs.

In diesem Monat dürfte auch das letzte Stück Zweitliga-Historie aus Solingen verschwinden: Der Abriss des Stadions am Hermann-Löns-Weg beginnt. Mit Daniel Jurgeleit, der heute Fußball-Regionalligist Flensburg coacht, blickt ein Ex-Spieler auf eine prägende Zeit in den 1980er Jahren zurück.

Wie groß ist ihre Enttäuschung über den in der Relegation gegen Cottbus nur knapp verpassten Aufstieg in die 3. Liga?

Jurgeleit Unmittelbar nach dem Abpfiff waren wir schon enttäuscht, aber insgesamt hat sich unser Ärger in Grenzen gehalten. Wir haben die erfolgreichste Saison des Vereins gespielt.

Wie sind die Bedingungen?

Jurgeleit Anders als die Traditionsvereine in der Regionalliga West haben wir kein Voll-Profitum, trainieren erst ab 19 Uhr. Darüber hinaus beträgt unser Etat nur 600.000 bis 800.000 Euro, andere Viertligisten kommen auf bis zu 3,5 Millionen Euro. Der Zuschauerschnitt liegt lediglich bei rund 1000.

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Weil sich das Interesse in der Stadt auf Handball-Meister SG Flensburg-Handewitt konzentriert?

Jurgeleit der Handball nimmt uns keine Zuschauer weg. Wenn man in der richtigen Liga spielt, gehen die Sponsoren sogar eher zum Fußball. Aber unsere Entwicklung und Professionalisierung haben gerade erst begonnen.

Die Entwicklung von Union Solingen ist beendet, nun wird das Stadion am Hermann-Löns-Weg abgerissen. Haben Sie das im hohen Norden mitbekommen ?

Jurgeleit Das ist mir durch Bilder in verschiedenen Medien seit Monaten bewusst, und ich bin sehr traurig darüber. Ich habe damals in Hilden gewohnt, das Stadion war wie ein Stück Heimat. Wenn ich mich heute hin und wieder mal mit Demir Hotic oder Günter Diekmann treffe, beschäftigt uns der Niedergang in Solingen. Es tut uns in der Seele weh. Volker Diergardt und später Thomas Brdaric haben zwar noch versucht, was zu begradigen – aber nach dem Abstieg 1989 folgte ja ein Neuanfang nach dem anderen. Ich kann einfach nicht begreifen, dass eine Stadt mit einem derart schönen Stadion die Kurve nicht bekommen hat.

Was zurückbleibt, sind Erinnerungen. Wie sind ihre ?

Jurgeleit Nur schön. Wir haben zwar meistens gegen den Abstieg gekämpft und uns manchmal erst am letzten Spieltag gerettet. Wir sind aber auch mal zwei Spieltage Tabellenführer gewesen. Das war Ende September 1984 unter Eckhard Krautzun, zu dem ich immer noch Kontakt habe. Ich weiß noch, wie Dirk Römer nach seinem entscheidenden 1:0 gegen Wattenscheid 09 vor 10.000 Zuschauern auf den Zaun geklettert ist. Es herrschte eine tolle Atmosphäre. Danach sind wir in die Kneipe um die Ecke gezogen und haben mächtig gefeiert. Es war eine wunderbare Zeit.

Was war das Besondere am Hermann-Löns-Weg?

Jurgeleit Zum einen der Platz. Der Rasen war richtig gut, vielleicht der beste der Liga. Der Platzwart ist meist extra noch einmal mit der Schere drüber gegangen, damit er auch ja schön gerade war. Dazu die Menschen in den angrenzenden Häusern. Wie oft haben sie uns zu Kaffee und Kuchen eingeladen oder ein Bett angeboten, wenn nach einer Feier mal ein Schlafplatz nötig war. In Solingen herrschte ein unglaubliches Gemeinschaftsgefühl. Kein Gegner ist gerne her gekommen. Am Hermann-Löns-Weg wurden die Klingen gewetzt. Es ging ja auch um Existenzen, damals verdiente man nicht viel. Vielleicht hatten Krüger und Heise nach dem Fußball ausgesorgt, für die anderen aber musste es irgendwie weitergehen.

Gibt es noch andere besondere Partien ?

Jurgeleit Auf jeden Fall gegen Kickers Offenbach im Januar 1983. Es war meine erste Saison bei Union, ich war damals noch A-Jugendlicher und habe mit meinem ersten Tor im Profi-Fußball für den 1:0-Sieg gesorgt. Im September 1983 haben wir dann Bundesliga-Absteiger Schalke vor 12.000 Zuschauern mit 4:0 nach Hause geschickt. Und natürlich war da das große Spiel im DFB-Pokal. Viertelfinale gegen Gladbach im Februar 1985. Es war richtig kalt, dennoch strömten 15.500 Zuschauer an den Hermann-Löns-Weg. Der Schnee lag zentimeterhoch, eine Rasenheizung gab es nicht, trotzdem wurde gespielt. Unsere Fans feierten Manfred Dum als „Schneehasen“, leider haben wir nach großem Kampf mit 1:2 verloren. Auswärts bleibt mir Hertha BSC Berlin im Gedächtnis. Das Olympiastadion hatte seinerzeit mit die modernste Anzeigetafel. Als dort in riesigen Buchstaben Union Solingen stand, war das Gänsehaut pur.

Haben Sie etwas Spezielles aus der Zeit mitgenommen ?

Jurgeleit Wir standen im Kampf gegen den Abstieg oft mit dem Rücken zur Wand. Wenn wir wussten, dass der Gegner besser war, hat uns der Trainer ein Tablett mit ein paar Klaren in die Kabine gebracht. Auf dem Platz haben wir unsere Gegenspieler angehaucht. Die dachten, sie hätten leichtes Spiel. Wir hatten den Klaren aber nicht getrunken, sondern den Mund damit gespült. Als ich 2012 mit Flensburg zum entscheidenden Spiel um den Aufstieg in die Regionalliga beim favorisierten SV Holthausen/Biene antreten musste, habe ich meine Spieler das auch machen lassen. Wir haben 3:1 gewonnen und sind aufgestiegen. Dieser Trick bleibt mir vom Hermann-Löns-Weg.