Daniel Huppert: „Wir sind schnell zur Einheit geworden“

Interview Daniel Huppert : „Wir sind schnell zur Einheit geworden“

Daniel Huppert ist seit 100 Tagen Generalmusikdirektor der Bergischen Symphoniker und zieht im Gespräch eine erste Bilanz.

Herr Huppert, hätten Sie sich die vergangenen 100 Tage so aufregend vorgestellt?

Huppert (lacht) Man plant zwar und hat bereits die Erfahrung gemacht, wie Konzerte ablaufen, wie es dann aber tatsächlich ist, merkt man erst, wenn man mittendrin ist. Jedes Orchester ist anders und hat eine andere Art, mit dem Dirigenten zu kommunizieren. Aber was mich sehr freut: Es ist eine menschliche und herzliche Arbeit entstanden in der kurzen Zeit. Wir sind schnell zur Einheit geworden.

Bei Ihrem Antrittsgespräch haben Sie gesagt: „Es ist ein Traum, wenn ein Orchester von sich aus eine hohe Motivation an den Tag legt.“ Ist der Traum wahr geworden?

Huppert Ja. Wir finden uns stets in der Arbeit. Jeder Orchestermusiker hat eine Meinung, ein Gefühl oder einen Zugang zu einem Stück. Meine Aufgabe ist es dann, das zu bündeln und zu einem Weg zusammenzuschmieden. Das führt auch manchmal dazu, dass man sich umentscheidet. Aber ich bin immer dafür, diesen Weg auch mitzugehen. Das geht aber eben nur, wenn ein Orchester einen Ausdrucks- und Gestaltungswillen sowie eine große Kraft an den Tag legt. Das ist sehr viel wert.

Wie empfinden Sie das Publikum in Remscheid und Solingen?

Huppert Das Publikum ist ein sehr waches, begeisterungsfähig, aber auch konzentriert. Es ist zwar noch so, dass wenn ich ausgefallenere Stücke oder Komponisten präsentiere, das Publikum noch nicht so zahlreich ist wie bei bekannten Werken. Aber das ist normal. Ich habe aber vor allem bei den letzten Konzerten den Eindruck bekommen, dass sich ein programmatisches Vertrauen entwickelt. Das ist auch mein Ziel: Das Publikum soll die Scheu vor Außergewöhnlichem verlieren. Gerade jetzt beim 5. Philharmonischen Konzert habe ich die Begeisterungsfähigkeit für den Solisten und auch für die Leistung des Orchesters noch einmal gespürt – wenn man das Gefühl hat, es ist nicht nur einfach ein Beklatschen einer Dienstleistung, sondern das Publikum wurde emotional berührt.

Mit Ihrem Antritt haben Sie ein neues Format eingeführt: die Familienkonzerte. Wie ist der erste Termin angenommen worden?

Huppert Der erste Termin ist hervorragend angenommen worden, es waren über 400 Gäste da. Das hatte wahrscheinlich auch mit unserem Star Ralph Caspers zu tun (schmunzelt). Die Familienkonzerte sind ein Weg, den ich weiter beschreiten werde. Beim nächsten Konzert, das ich selbst leite, kommt eine erfahrene Redakteurin dazu. Das Konzert eignet sich für Kinder und Jugendliche und dreht sich um die Oper „Carmen“ – nur haben wir die Kuh Carmen dabei. Mir ist es wichtig, dass Familien gemeinsam zu einem Konzert gehen können, gerade auch Berufstätige, Alleinerziehende oder Kinder mit den Großeltern. Daher wird es auch in der kommenden Saison sonntags diesen Termin geben. Idealerweise können wir die Familien dort abholen, um sie für unsere weiteren Konzerten zu begeistern.

Die Auslastungszahlen 2018/2019 des Teo Otto Theaters zeigen, dass das Crossoverformat „On Fire!“ stets für ein ausverkauftes Haus sorgt, die Philharmonischen Konzerte aber nicht ganz so viele Besucher locken. Wie können Sie da ansetzen?

Huppert Erst mal ist das kein Phänomen, das auf Remscheid und Solingen beschränkt ist. Crossover spricht ein ganz anderes Publikum an. Man braucht bei dem Thema auch keine Panik machen. Im letzten halben Jahr sind die Besucherzahlen bei den Philharmonischen Konzerten sogar gestiegen. Die Besucher, die dort waren, waren ausnahmslos begeistert. Das merkt man auch an der Reaktion des Publikums: Gerade die Remscheider sind sehr euphorisch. Nichtsdestotrotz sehe ich meine Aufgabe darin, möglichst viele Besucher in die Philharmonischen Konzerte zu holen. Es gibt immer eine gewisse Scheu, ins ‚Philharmonische‘ zu gehen. Mein Ziel ist es, dem Publikum diese Scheu zu nehmen – aber das braucht Zeit.

Den Grundstein dafür legen Sie ja bereits früh mit Formaten wie der „Backstage Lounge“, „Rhapsody in School“ oder den Wandelkonzerten für Schüler.

Huppert Ja. Und das Interesse daran ist in dieser Spielzeit stark gewachsen. Das freut uns sehr.

Sie sind neben Ihrer Arbeit im Bergischen auch noch Generalmusikdirektor in Schwerin. Werden Sie denn bald ins Bergische Land umziehen?

Huppert Ich arbeite blockweise im Bergischen und in Schwerin. Im nächsten halben Jahr werde ich auch mehr in Schwerin arbeiten. Aber ich lebe hier in der Nähe und will das auch weiterhin sein. Wohin es mich endgültig zieht, weiß ich noch nicht.

Konnten Sie das Bergische in den vergangenen Monaten ein wenig erkunden?

Huppert In den letzten Monaten hatte ich wenig Zeit, aber vor meinem Antritt hier habe ich das bereits getan. Das Bergische ist sehr bewaldet. Es erinnert mich an meine Heimat, den Pfälzerwald. Das gefällt mir. Was mir auffällt, ist, wie positiv die Menschen mit mir umgehen – das Orchester, das Publikum, die Bürger.

Wo wollen Sie in den nächsten
100 Tagen mit den Bergischen Symphonikern hin?

Huppert Es wird erst einmal interessant, die Weihnachtszeit gemeinsam zu erleben. Es steht ja schließlich noch das Weihnachtskonzert an, im Januar geht es mit ,On Fire!‘ weiter, beides werde ich dirigieren. Zudem werden demnächst einige Gastdirigenten kommen – das wird spannend. Die nächsten 100 Tage sind zudem stark mit Planung verbunden – ich bin in den letzten Zügen für die Planung der Spielzeit 2020/2021. Künstlerisch möchte ich den Weg, den wir eingeschlagen haben, weitergehen, aber auch links und rechts schauen. Wo sind unsere Stärken? Und wie können wir das Profil des Orchesters weiter stärken? Das ist eine wichtige Aufgabe, um das Orchester fit zumachen für die Zukunft.