Solingen: Coppelstift - das vergessene Museum

Solingen: Coppelstift - das vergessene Museum

"Wir kommen jetzt in ein in Vergessenheit geratenes kleines Museum und eine Gedenkstätte", sagt Lutz Peters, als er den Schlüssel in der Tür des Gebäudes umdreht. Und in der Tat, hinter der Tür wirkt alles, als sei schon recht lange hier kaum jemand gewesen. Das in Vergessenheit geratene Museum steht auf dem Gelände des Coppelstifts und ist der Familie Coppel gewidmet. Coppel-Stift, der Name, auch in Verbindung mit dem Coppel-Park, dürfte den meisten zumindest älteren Solingern ein Begriff sein, doch an die Familie Coppel, von der der Name stammt, erinnern sich wohl nur wenige Solinger.

Darüber berichtete Lutz Peters von der Solinger Abteilung des Bergischen Geschichtsvereins am Samstag knapp 20 Interessierten bei einer kleinen Führung durch das Museum. Die Familie Coppel war eine renommierte jüdische Solinger Unternehmerfamilie, die aber vor allem dadurch bekannt wurde, dass sie für damalige Verhältnisse ungewöhnlich sozial eingestellt war — und eben das Coppelstift gründete.

Soziales Engagement

1830 wird Gustav Coppel geboren, und allmählich beginnt die industrielle Revolution. Gustav Coppel übernimmt von seinem Vater Alexander Coppel die Stahlwarenfirma. Mit dem Aufstieg der Firma verschärfen sich die sozialen Gegensätze in der Stadt deutlich. Besonders Gustav Coppel zeigt karitative Großzügigkeit und engagiert sich für den sozialen Frieden. 1906 wird Gustav Coppel sogar Ehrenbürger der Stadt. "Coppel engagierte sich aus verschiedenen Gründen, auch weil er zeigen wollte, dass die Juden die besseren Bürger waren", so Lutz Peters nach seinen Recherchen über Gustav Coppel. Die Wohltaten, die Coppel schuf, kamen allen Bürgern der Stadt zugute. 1912 wird die Einrichtung eröffnet, die eine Erholungsstätte für Erwachsene, ein Säuglingsheim und eine Beratungsstelle unter einem Dach vereint.

Einer der bedeutendsten Helfer war Paul Selter, der die damalige Verwaltung beriet und die für jene Zeit geradezu revolutionären Pläne, die von Krankenhaus, Ärzten und Apotheken bekämpft wurden, mit allen Kräften unterstützte. Immerhin betrug die Säuglingssterblichkeit im Solingen der Zeit der industriellen Revolution gigantische 13 Prozent, heute liegt sie in Deutschland bei 0,4 Prozent. "Das war klar eine Folge der industriellen Revolution, in der die Eltern praktisch keine Zeit mehr für ihre Kinder hatten," so Peters.

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Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten war das Ende der Coppels programmiert. 1933 wird das Coppelstift aufgelöst, der Komplex an der Wupperstraße von der "Volkswohlfahrt" übernommen und die Familie Coppel in die Vernichtungslager deportiert, wo die Familienmitglieder umkommen.

Nach dem Krieg bewohnten zunächst Ausgebombte die nicht zerstörten Häuser, bevor die heutige Erziehungsberatungsstelle ins Gebäude einzig. Die feiert übrigens, den Vorgänger des Coppelstifts eingerechnet, im Mai ihr 100-jähriges Bestehen mit einem großen Fest. Durch die Familie Coppel wurde für Solingen und Deutschland wertvolle Arbeit auf dem Gebiet der Jugendhilfe geleistet, stellte Lutz Peters fest.

Besuch lohnt sich

Bleibt die Frage, warum das kleine Museum der Familie Coppel in Vergessenheit geriet. Eine Erklärung konnte Lutz Peters liefern: "Wenn hier viele Besucher hinkämen, wäre es für die Beratungsstelle nicht so gut, denn zu dieser Beratung gehört auch eine gewisse Vertraulichkeit". Einen Besuch lohnt das Coppelstift mit seinem kleinen Museum aber allemal.

(RP)
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