Bomber kamen in Solingen zur Mittagszeit

Solingen vor 75 Jahren : Die Bomber kamen in der Mittagszeit

Am 4. und 5. November 1944 wurde das alte Solingen zerstört. Die Angriffe vor 75 Jahren forderten mehr als 1700 Todesopfer.

Am 4. November 1944 schien um 10 Uhr die Welt noch in Ordnung zu sein – soweit das im sechsten Jahr des Zweiten Weltkriegs überhaupt noch möglich war. Doch schon um 10.30 Uhr heulten die ersten Sirenen. Die Bevölkerung zog es in die Bunker und Keller – Zwangsarbeiter und zur Arbeit abgestellte Kriegsgefangene mussten anders Schutz suchen, Bunker und Keller blieben ihnen verwehrt. Doch anders als bei vielen anderen Alarmsituationen war Solingen am 4. November 1944 nicht nur die Überflugzone für die Flieger der alliierten Kräfte gegen das Nazi-Regime. Eine Entwarnung folgte nicht.

Um 13.55 Uhr wurde Vollalarm ausgelöst. Um 14.02 Uhr fielen in 18 Minuten aus den Bombenschächten von 176 englischen Lancaster-Maschinen 822 Tonnen Sprengbomben und 123 Tonnen Brandbomben auf das Gebiet des Hauptbahnhofs. Doch die Streuwirkung sei groß gewesen, erklärt Ralf Rogge. Der Historiker ist Leiter des Stadtarchivs und berichtet, dass die ersten Bomben bereits auf das Stadtgebiet Wermelskirchens gefallen seien. Burg an der Wupper wurde getroffen. Spuren der Verwüstung gab es von der Krahenhöhe schließlich bis zum eigentlichen Ziel: dem Hauptbahnhof.

Der sei sehr bewusst ausgewählt worden, sagt Dr. Ralf Blank. Auch er ist Historiker und leitet das Stadtarchiv und die historischen Museen Hagen. Blank, der zahlreiche Beiträge zur Geschichte des Luftkriegs schrieb, sagt, dass Solingen vor allem als Eisenbahnknotenpunkt wichtig gewesen sei. Den wollte das britische Bomber Command ausschalten. Doch das Bombardement war für die Briten wenig erfolgreich. Die Abwürfe streuten zu stark. „Innerstädtische Bereiche erreichte der Bombenhagel nicht“, ergänzt Rogge.

Am Vormittag des 5. November kam das Bomber Command mit 173 viermotorigen Lancaster-Maschinen noch einmal, wieder aus Südosten über die Krahenhöhe. Radar und das Funkleitsystem G-H habe die Bomber gelenkt, erklärt Blank. Zielpunkt sei erneut das Bahnhofsgebiet gewesen. Aber diesmal geriet auch die historische Innenstadt Solingens unmittelbar in die Bombenabwurfzone. Aus den Schächten wurden an dem Sonntag 783 Tonnen Sprengbomben und 150 Tonnen Brandbomben geworfen. Das löste innerhalb von Minuten ein flammendes Inferno aus – die Fachwerkhäuser aus Holz boten den Brandbomben sehr viel Nahrung.

Im Stadtarchiv wurden Zahlen ausgewertet: 1609 Wohngebäude wurden bei den Angriffen am 4. und 5. November 1944 total zerstört, 529 schwer, 1372 mittel und 2939 leicht beschädigt. Dazwischen lagen mindestens 1700 Tote. Die US-Armee nannte später 1882 Opfer. Doch es könnten auch 1900 gewesen sein, sagt Ralf Rogge. Zum großen Teil sind die Namen in Listen erfasst. Aber ein nicht ganz geringer Teil ist unbekannt. Darunter gibt es zwei Gruppen: Auf der einen Seite die Solinger, die nach dem ersten Angriff Schutz in der Innenstadt gesucht hatten. Auf der anderen auch aus anderen ausgebombten Städten nach Solingen einquartierte Deutsche. Und natürlich die Zwangsarbeiter, die schutzlos Opfer der Bomben wurden.

Sehr viele Tote wurden auf den Friedhöfen in Gräfrath und in Höhscheid an der Regerstraße begraben. Weiße, heute ergraute Kreuze legen Zeugnis für die beiden Tage ab. Auf sie kamen die Namen. War er unbekannt, erhielt das Grabmal die Inschrift „Unbekanntes Luftkriegsopfer“.

Dr. Ralf Blank erklärt, was passiert war. „Flächenbombardements waren im Zweiten Weltkrieg eine Art militärischer Automatismus, der sich aus der Eskalation kriegerischen Handelns ergab. Solche Angriffe wurden auch durch die deutsche Luftwaffe im Rahmen ihrer technischen Möglichkeiten geflogen.“

Warschau in Polen wurde zerstört, Rotterdam in den Niederlanden, viele englische Großstädte. Das seit Februar 1942 von Arthur Harris befehligte britische Bomber Command habe klare politische Vorgaben und militärische Ziele gehabt. Industrie- und Verkehrsanlagen hätten bis zum Kriegsende 1945 zu den häufigen Zielen gehört. Sie wurden ab dem Sommer 1944 auch am Tage bombardiert.

An Intensität nahmen die Luftangriffe auf das Deutsche Reich in den letzten beiden Kriegsjahren durch die immer geringere Luftabwehr zu. Zugleich gab es stetig wachsende, alliierte Luftflotten. Es wurde angegriffen, was angreifbar war – auch Ziele in Klein- und Mittelstädten. Blank erläutert, dies sei der militärische Automatismus des Kriegs. Bis heute im Zeitalter der Drohnenangriffe gebe es keinen „sauberen Krieg“.

Für den Solinger Archivar Ralf Rogge auch eine Folge der Auswertung der „Erfolge“ der Bombenangriffe aus dem Ersten Weltkrieg und auf deutscher Seite auch während des spanischen Bürgerkriegs. Am 26. April 1937 zerstörte die Legion Condor die Stadt Guernica – Picasso malte dazu sein berühmtes Anti-Kriegs-Bild. Doch eine Einschüchterung der Bevölkerung fand nirgends statt. Trotzdem hörte die Zerstörung der Städte nicht auf. Das gehört zur Automatik und Unlogik der damals handelnden Militärs – mit Folgen bis heute. In Solingen gibt es heute noch Trümmergrundstücke. Das gerade in der Bebauung begriffene Grundstück Kölner Straße an der Ecke Elsa Brandström-Straße gehört dazu.

(Boll)
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