Wohnsiedlung in Solingen „Wir sind kein Chorweiler“

Solingen · Die Hochhaussiedlung Hasseldelle hatte keinen leichten Start und keinen guten Ruf. Im voll vermieteten Multi-Kulti-Quartier ist aber viel passiert, das zu ändern.

Die Siedlung Hasseldelle    entstand in den frühen    1970er Jahren.  
  Foto: Wir in der Hasseldelle

Die Siedlung Hasseldelle entstand in den frühen 1970er Jahren. Foto: Wir in der Hasseldelle

Foto: Wir in der Hasseldelle

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Von wem der Spruch stammt, ist nicht ganz klar. Von Hans-Peter Harbecke definitiv nicht. „Das ärgert mich schwarz, wenn die Leute sagen: Ach, um Himmels willen, die Hasseldelle. Da ruft beispielsweise die Deutsche Welle an und sagt: Das ist ja ein sozialer Brennpunkt. Wir sind ganz bestimmt kein sozialer Brennpunkt.“

Dass es auch keiner wird, daran arbeitet Harbecke seit Jahrzehnten. Seit 1981 lebt er in Solingens einziger Hochhaus-Siedlung. Seine Frau war sogar Erstbezieher in einem der SBV-Häuser. Als langjähriger Vorsitzender des 1988 gegründeten Vereins „Wir in der Hasseldelle“ weiß er, warum die vor rund 50 Jahren aus dem Ackerboden gestampfte „Satellitenstadt“ einen schlechten Ruf bekam – und warum sie ihn nicht mehr verdient hat.

„Derart große Siedlungen kannte man ja nicht“, blickt der 73-Jährige zurück. „Zur Einweihung war sogar Bundesbauminister Karl Ravens hier.“ Was die Solinger aber wohl weniger beeindruckte. „Sie sahen nur Häuserklötze, viele verschiefert, schwarz, eher bedrohlich – und schon hatte die Hasseldelle ihren schlechten Ruf weg.“ Der hatte in den Anfangsjahren aber auch noch andere Gründe: Die Infrastruktur fehlte.

Werner Deichmann (l.), 1971 Bewohner der ersten Stunde, und Hans-Peter Harbecke, der zehn Jahre später in die Siedlung zog.

Werner Deichmann (l.), 1971 Bewohner der ersten Stunde, und Hans-Peter Harbecke, der zehn Jahre später in die Siedlung zog.

Foto: Fred Lothar Melchior

Dann kam hinzu, dass der nicht vom Spar- und Bauverein Solingen errichtete größere Teil der Siedlung durch mehrere Hände wanderte – und Geld eher aus den Häusern gezogen als in ihren Erhalt gesteckt wurde. Zu Gagfah-Zeiten mussten die Mieter teilweise durch provisorische Überdachungen der Wege vor herabfallenden Fassadenteilen geschützt werden. Harbecke: „Das hat den Leuten Auftrieb gegeben, die immer nur kritisiert haben. Von den über 400 Wohnungen waren damals nur noch 200 belegt. Und deren Mieter suchten fieberhaft nach anderen Wohnungen.“

Heute gibt es in der Hasseldelle kaum Leerstand. Beim Spar- und Bauverein, dem 191 Wohnungen gehören, spricht man von zwölf, die wegen anstehender Sanierungen nicht vermietet sind. Bei der deutschen Zweigniederlassung von Grand City Property (GCP), die seit 2011 rund 420 Wohnungen verwaltet, heißt es: „Unser Bestand ist voll vermietet. Wenn Wohnungen frei werden, haben wir immer eine sehr gute Nachfrage.“

„In jeder unserer Wohnungen in der Hasseldelle sind zwischenzeitlich umfassende Renovierungsarbeiten erfolgt“, berichtet Teresa Staill, Managerin PR & Unternehmenskommunikation. Auch an den Fassaden und Balkonen hat sich einiges getan. Dazu kamen Mieter- und Nachbarschaftsaktionen und Feste. „Das spiegelt sich im nachbarschaftlichen Umfeld genauso wie im Ruf der Siedlung wider, der sich nachhaltig verbessert hat.“

In der Hasseldelle leben etwa 2500 Menschen aus 54 Nationen. Menschen, die beispielsweise als Gastarbeiter in die Klingenstadt kamen oder während der Flüchtlingswelle 2015 in der Siedlung untergebracht wurden. „An der Integrationsarbeit hat sich in erster Linie der Verein Wir in der Hasseldelle beteiligt“, sagt dessen Vorsitzender Hans-Peter Harbecke. Es war ein weiterer Schritt, um die Siedlung zu einem lebenswerten Quartier zu machen.

„Wir hatten bei der Gründung des Vereins nicht nur Freunde“, erinnert sich Werner Deichmann (91), der 1971 als einer der Ersten mit seiner Familie in einen achtgeschossigen SBV-Neubau zog. „Wir waren lästig, weil wir auf die Probleme aufmerksam gemacht haben. Zuerst haben wir einen Kindergarten gefordert.“ Das Recht, ihn zu bauen, hätte die Katholische Kirche gehabt. „In der Hasseldelle gab es aber zu wenig Katholiken.“

„Heute haben wir im Prinzip alles“, bilanziert Hans-Peter Harbecke: „eine Kindertagesstätte, eine hervorragende Busanbindung, ein Restaurant mit Biergarten, das eine wichtige Kommunikationszentrale für viele ist und auch von Hauseigentümern aus dem Bereich Erbenhäuschen besucht wird, den beroma-Laden für die Nahversorgung, die in Gräfrath beispielsweise fehlt, und natürlich den Nachbarschaftsverein mit allem Drum und Dran. Die Hasseldelle ist kein Chorweiler.“

Was langsam auch dem einen oder anderen Solinger bewusst werde: Als der SBV im Rahmen seines Jubiläums in diesem Jahr zu Rundgängen in seinen Siedlungen einlud, seien in die Hasseldelle auch Bewohner angrenzender Gebiete gekommen. Harbecke: „Ich habe Leute von der Cäcilienstraße getroffen, die begeistert waren. Ich wüsste nicht, was hier verbessert werden sollte.“

Von eitel Sonnenschein sprechen er und Werner Deichmann trotzdem nicht. Denn Multi-Kulti bringt immer Reibungspunkte. Aktuell gibt es ein Problem mit dem (Sperr-) Müll. Harbecke: „Da bereiten wir gerade einen Flyer vor.“ Dass in der Hasseldelle so viele verschiedene Sprachen gesprochen werden, macht es auch nicht einfacher: „Im Bus hört man kaum noch Deutsch. Dass die hier Lebenden es lernen müssen, ist eine absolute Notwendigkeit. Die Kommunikation passiert meistens auf Englisch.“