Denkmäler in Solingen Ein Leuchtturm – politisch wie kulturell

Solingen · Das heutige Kunstmuseum Solingen erfand sich in seiner über 100-jährigen Geschichte immer wieder neu. Ein Streifzug durch das frühere Gräfrather Rathaus.

Rundgang durch das Kunstmuseum Solingen
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Rundgang durch das Kunstmuseum Solingen

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Foto: Peter Meuter

Majestätisch und repräsentativ erhebt sich der nach oben hin verschieferte Uhrenturm über dem Gräfrather Ortskern. In dessen Richtung orientiert sich auch der Gebäudevorsprung der Hauptfassade mit seinem gewellten Giebel und der bogenartigen Glasfront – ganz, als wolle er den Bürgern des Ortes sagen: „Ich habe Euch im Auge.“

Das ist kein Zufall. Schließlich kamen hinter den einst bunten Glasscheiben ab 1908 die politschen Lenker Gräfraths zusammen. An Blickfängen bietet schon allein die Außenfassade des Gebäudes aber noch weit mehr: Der wohl bekannteste aus jüngerer Zeit ist die Fensterscheibe, die wie in einer Art Daumenkino aus dem Rahmen in der ersten Etage zu fallen scheint: Der „Solinger Fenstersturz“ von Rudolf A. Scholl ist aber wohl keine Anspielung auf Differenzen unter den Gräfrather Politikern. Vielmehr verweist er – ebenso wie die Bronzeskulptur „Mollige“ von Max Kratz auf dem Vorplatz – auf die heutige Nutzung des ehemaligen Gräfrather Rathauses als Kunstmuseum Solingen.

Dessen Direktorin Gisela Elbracht-Iglhaut empfängt uns hinter dem vom Gräfrather Stadtwappen gekrönten Haupteingang. „Einen ganz tollen Eindruck“ habe sie gehabt, als sie im Mai 1996 ihr neues Wirkungsfeld betrat, erinnert sich die gebürtige Wuppertalerin. Damals war die studierte Kunsthistorikerin vom Von der Heydt-Museum in Elberfeld in die Klingenstadt gewechselt – und gestaltete somit die Anfänge des „Museum Baden“, wie es nach dem Stifter-Ehepaar zunächst hieß, mit.

Unseren Blick lenkt Elbracht-Iglhaut gleich auf die verschiedenen Segmente des Bauwerks: Der Museumsshop hinter dem Eingang ist zum Beispiel im ältesten Trakt des Gräfrather Rathauses untergebracht. Dessen Bau hatte der damalige Bürgermeister Bernhard Bartlau unter dem Eindruck zunehmender Enge in früheren Ratsräumen vorangetrieben. Der Auftrag ging an Architekt Arno E. Fritsche. Und der machte sich im Jahr 1907 an die Planung des stark gegliederten Bauwerks mit seinen malerischen Erkern, Giebeln und Vorsprüngen. Das entstand überhaupt nur an diesem Platz, weil Gräfrather Bürger gegen den ursprünglichen Standort – näher zum Central – Sturm gelaufen waren.

Rund 20 Jahre tagte hier der Rat der seit 1856 selbstständigen Stadt Gräfrath. Nach der Eingemeindung in die Stadt Solingen im Jahr 1929 wiederum beherbergten die Räume eine Nebenstelle der Stadtverwaltung, die Polizei und die Stadtbücherei. Dann kam der Zweite Weltkrieg und mit ihm die Zerstörung. In der Frontseite des Bauwerks klaffte ein riesiges Loch, die östliche Hälfte lag weitgehend in Trümmern.

Doch aus denen entstand bald etwas Neues: „Wir kommen jetzt in den Flügel aus den 50er Jahren“, erklärt Elbracht-Iglhaut, als wir die Kasse hinter uns gelassen haben. Die Gestaltung des Neubaus, zu dem auch das Treppenhaus gehört, trug bereits der neuen Bestimmung des Rathauses Rechnung: als Deutsches Klingenmuseum, das zwischen 1954 und 1990 an der Wuppertaler Straße zuhause war. Nachdem das aber schließlich ins ehemalige Gräfrather Kloster umgezogen war, begann das nächste Kapitel des seit 1984 denkmalgeschützten Rathauses. Nun wurde es Heimat der Solinger Kunstsammlung.

Damit verbunden war auch der nächste große Bauabschnitt, den wir als Besucher nachvollziehen können. Denn nun gelangen wir in einen Trakt hoher weißer Räume mit großen Hängeflächen und viel Licht. Ihn plante Architekt Stephan Nasse im Jahr 1992. „Besonders reizvoll ist, dass die hohen Fenster immer wieder den Blick nach draußen ins Grüne freigeben“, sagt Elbracht-Iglhaut.

Vor allem den Werken Georg Meistermanns sollte die Konzeption gerecht werden. Einen Bezug zu den Kirchenfenstern des Malers und Glaskünstlers stellt der acht Meter hohe Raum zwischen Souterrain und Erdgeschoss am Südende des Komplexes her. „Er wirkt sakral, wie ein Chorraum“, sagt Elbracht-Iglhaut. Ebenerdig und von der Empore aus können die Gäste dort derzeit noch die Eisenskulptur von Michael Bauer-Brandes betrachten, die mysteriöse Schatten an die Wände wirft.

Wir wechseln ins erste Obergeschoss – und gelangen in einen der zentralen Räume des Gebäudes: den Meistermannsaal, in dem das Selbstporträt des Namensgebers mit dem Titel „Der Maler“ schnell in den Fokus des Besuchers rückt. Auch Werke von Oscar Zügel oder Georg Netzband hängen hier und stehen exemplarisch für einen weiteren großen Schwerpunkt dieses Ortes: Die Arbeiten von Künstlern zu zeigen, die in Diktaturen aus den Galerien verschwanden, ist ein Kernanliegen des „Zentrum für verfolgte Künste“, das 2015 als eigenständiges Museum in den Räumen des Kunstmuseums an den Start ging. Zu ihm gehört auch die Literatursammlung „Die verbrannten Dichter“ im Westflügel.

Aus einer verglasten Nische im Meistermann-Saal blicken wir derweil in den Innenhof, in dem das zum Komplex gehörende Restaurant Junkbrunnen Tische aufgestellt hat, und auf die Rückseite des Gebäudes. Dessen Bergischer Stil wird hier nicht nur durch Form und Verschieferung sichtbar, sondern auch durch die typischen weißen Fensterrahmen und grünen Schlagläden. Auch die Empore mit Holzbrüstung über dem Innenhof erinnert noch an frühere Zeiten der Rathaus-Historie.

Unser Weg führt weiter ins zweite Obergeschoss – und ins Atelier. Farbspritzer auf den Tischen und Tuben in den Regalen verraten: Hier wird oft und fleißig gearbeitet. Regelmäßig sind hier besonders Kinder und Jugendliche kreativ im Einsatz – ob mit der Schule oder auf Ferienkursen. Die verschiedenen Angebote der Museumspädagogik gehören für Elbracht-Iglhaut neben der Organisation der Bergischen Kunstausstellung zu den besonderen Herzensaufgaben in der Museumsarbeit. „Wir sind ein Ort für Solingen, entfalten aber gleichzeitig bundesweite Strahlkraft“, sagt sie – und führt uns in einen klimatisierten Raum, der sonst nur Mitarbeitern zugänglich ist: das gründlich gesicherte Lager, in dem viele Gemälde auf Ziehrahmen darauf warten, für Ausstellungen oder zu Lehrzwecken herausgenommen zu werden.

Aus dem Allerheiligsten geht es nun wieder die Treppe hinunter – und, als Höhepunkt der Führung – in den Ratssaal mit seinen großen bogenförmigen Fenstern. Er wird heutzutage für vielfältige Veranstaltungen vermietet – und auch Gisela Elbracht-Iglhaut verbindet ganz persönliche Erinnerungen mit ihm: „Ich habe 1998 hier meine Hochzeit gefeiert“. Ganz ohne Politik, wie in seinen Anfangsjahren, muss der Saal, dessen altes Gestühl modernen Sitzmöbeln gewichen ist, freilich auch heute nicht auskommen: Die Bezirksvertretung Gräfrath berät hier schließlich regelmäßig über die Geschicke des Stadtteils.

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