Schwerpunkt Gedenken 25 Jahre Brandanschlag: Außenminister müssen auf ihre Reden verzichten

Schwerpunkt Gedenken 25 Jahre Brandanschlag: Außenminister müssen auf ihre Reden verzichten

Nach einer Schweigeminute sprachen nur Oberbürgermeister Tim Kurzbach und Vize-Ministerpräsident Joachim Stamp.

Die Ansprache, die schon Wochen vor dem Gedenkakt und ohne Kenntnis des Wortlautes für Diskussionen gesorgt hatte, fand letztlich gar nicht statt: Der türkische Außenminister Mevlüt Çavusoglu kam angesichts des heftigen Unwetters ebenso wenig zu seinem Wortbeitrag wie sein deutscher Amtskollege Heiko Maas. Beide standen allerdings gestern am frühen Nachmittag vereint vor dem Mahnmal am Mildred-Scheel-Berufskolleg. Dort hatten Solinger Schüler bereits vor zwei Wochen Stahl-Ringe mit den eingravierten Namen der Staatsmänner angebracht.

Tim Kurzbach sorgt sich, dass sich trotz aller Mahnungen Geschichte wiederholen könne. Foto: Köhlen Stephan

Auf der Bühne am angrenzenden Parkplatz ergriff als erster Redner Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) das Wort. "Auch heute ist es unser tiefster Wunsch als Solingerinnen und Solinger, im stillen Gedenken zusammenzustehen." Der frühe Morgen des 29. Mai 1993, als fünf junge Mädchen und Frauen durch den Brandanschlag an der Unteren Wernerstraße ihr Leben verloren, habe eine Illusion zerstört: Die Stadt, in der Menschen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern seit vielen Jahren gut miteinander auskamen, sei "Tatort eines beispiellosen Verbrechens geworden". Die Verrohung der öffentlichen Sprache gegenüber Einwanderern, gipfelnd in der Parole "Das Boot ist voll !" hätten den Gewalttaten den Nährboden bereitet, sagte Kurzbach, und warnte vor Parallelen in der politischen Gegenwart.

Mevlüde Genç (mit ihrem Mann Durmus ) fand gestern vielerorten berührende Worte. Foto: Köhlen Stephan
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Und dennoch verbreitete er auch Hoffnung: Die Gesellschaft in der Klingenstadt habe die Geschehnisse vom ersten Tag an verabscheut - und vieles erreicht: "Solingen ist die Keimzelle wichtiger Projekte für das ganze Land NRW geworden", betonte er und lobte unter anderem den Einsatz für die vor Krieg und Verfolgung Geflüchteten. Dank zollte er einmal mehr Mevlüde Genç, die auch angesichts des Verlustes von Kindern und Enkeln mit ihrer Losung "Lasst uns Freunde sein" den ersten Schritt in eine neue Zukunft" gewagt habe.

Ähnliche Worte wählte der stellvertretende NRW-Ministerpräsident Joachim Stamp (FDP). "Wir alle können durch unsere Worte und Taten eine Gesellschaft aufbauen, in der das Verständnis füreinander stärker und stärker wird", rief er den rund 600 Zuhörern zu. Die meisten harrten auch bei Regen, Blitz und Donner aus - und gedachten in einer Schweigeminute der Opfer, ehe sie aus Sicherheitsgründen den Heimweg antreten mussten.

(RP)
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