Solingen: Aufregung auf dem Wochenmarkt

Solingen : Aufregung auf dem Wochenmarkt

Händler befürchten durch die Unternehmergemeinschaft, die die Märkte von der Stadt übernehmen will, eine Wettbewerbsverzerrung. Morgen entscheidet der Rat über die Privatisierung.

Frischen Zander gibt es auf dem Neumarkt in der City. Gegenüber am Wochenmarkt-Stand fragt ein Kunde den Gemüse- und Obsthändler nach dem besten Rezept für Mangold. Fünf verschiedene Sorten Kartoffeln hat dieser im Angebot und vier Arten von Tomaten. Weiter oben kann aus 19 unterschiedlichen Rosensorten ausgewählt werden. Es duftet nach Tee und Gewürzen.

Doch die Beschaulichkeit gestern Morgen auf dem Wochenmarkt mit seinem ganz eigenen Flair trügt. Hinter den Kulissen herrscht Aufregung unter den Beschickern. Gesprächsthema - auch bei Kunden - ist die private Unternehmergemeinschaft "Solinger Wochenmärkte", gegründet von Dirk Rüb, Robert und Rudolf Jacobs sowie Herbert Ferres. Sie wollen mit ihrer neuen Firma ab Januar kommenden Jahres die Organisation der Wochenmärkte in Ohligs, Wald und Mitte von der Stadt übernehmen, die diese aus Kostengründen abgeben will.

"Ich bin enttäuscht", sagt Peter Birken. Seit 30 Jahren steht er auf dem Wochenmarkt, anfangs mit Butter, Eiern, Käse, inzwischen mit Obst und Gemüse. Sein Eindruck: "Die neue Gesellschaft wurde in Cognito gegründet." Andere Kollegen seien darüber entsprechend nicht informiert, seien nicht gefragt worden, sondern seien durch die Stadt und die neue Unternehmergemeinschaft vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Auf dem Wochenmarkt fällt denn auch das Wort "Vetternwirtschaft". Tenor bei einigen Markthändlern: "Wir sind nicht gegen Privatisierung" - aber gegen die Art und Weise, wie das laufen solle.

"Man hätte einen Verein oder eine Gemeinschaft gründen sollen, in der jeder Marktbeschicker Mitspracherecht habe", lautet die Meinung von Karl-Heinz und Karin Niehues, seit 55 Jahren auf dem Wochenmarkt mit Schnittblumen, Gestecken, Beetpflanzen vertreten.

Die Bereitschaft zum Miteinander unter den Kollegen und zur Offenheit hat die neue Unternehmergemeinschaft um die Solinger Dirk Rüb, Robert und Rudolf Jacobs sowie Herbert Ferres, ebenfalls seit Jahrzehnten auf dem Wochenmarkt, gestern in einer Erklärung noch einmal ausdrücklich hervorgehoben. "Wir bieten Solidarität, die wir beweisen können und die Hand und Fuß hat", heißt es. Und weiter: Um Märkte zu erhalten, müssten Entscheidungen getroffen, Geld investiert, Verantwortung übernommen werden. "Dazu bietet die Unternehmergemeinschaft ,Solinger Wochenmärkte' als Koordinator allen Kollegenbetrieben offen und nachhaltig an, mitzuwirken."

"Wenn wir den Markt übernehmen, wird sich für die Kollegen nichts ändern", betont Dirk Rüb an an seinem Obst- und Gemüsestand im Gespräch mit unserer Zeitung. Bereits seit fünf Jahren ist man nach seinen Worten mit der Stadt im Gespräch. Private Gilden von auswärts hätten Interesse an den Wochenmärkten in Wald, Ohligs und der Stadtmitte.

Rüb befürchtet, dass diese Märkte im neuen Jahr ganz ausfallen beziehungsweise die Händler fast doppelt so hohe Gebühren zahlen müssten, sollte der Stadtrat mit der Aufhebung der Marktsatzung in der morgigen Sitzung keine Klarheit schaffen. Das ist auch die Einschätzung der Verwaltung: "Eine Erhöhung könnte das Aus der Märkte bedeuten", sagte Dezernent Robert Krumbein im Hauptausschuss. Mit nur einer Gegenstimme aus der Fraktion "Die Linke" wurde hier der Aufhebung der Satzung zugestimmt. "Wir sehen keine andere Möglichkeit als die Privatisierung, um die Gebühren stabil zu halten", sagt Ernst Lauterjung (SPD). Jan Welzel (CDU) bezeichnet die Maßnahme als Prototypen für viele weitere Entscheidungen, die noch zu treffen sind, weil "es ein Musterbeispiel ist, wie sich Menschen organisieren". Für Manfred Krause (Grüne) ist ein interessantes Konzept, mit dem die möglichen Betreiber jedoch auch ein Risiko eingehen. "Wir gehen aber davon aus, dass die Märkte attraktiver werden."

Peter Birken hat unterdessen eine ganz andere Befürchtung und spricht von einer Wettbewerbsverzerung: "Kommt die Gesellschaft, diktiert sie den Kollegen", wer was verkaufen dürfe. Der 52-jährige Burscheider hat bereits einen Anwalt eingeschaltet.

(RP)
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