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Solingen: „Aufeinander einlassen“

Solingen : „Aufeinander einlassen“

15 Jahre nach dem Brandanschlag wurde gestern erstmals der mit insgesamt 10.000 Euro dotierte Genç-Preis der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung an Kölns OB Fritz Schramma und Kamil Kaplan verliehen.

"Zusammenleben erfordert gegenseitiges Kennenlernen, und wir müssen uns aufeinander einlassen und nicht nebenher leben", forderte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble gestern bei der erstmaligen Verleihung des Genç-Preises der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung im Konzertsaal.

15 Jahre nach dem Solinger Brandanschlag waren zu der Preisverleihung und Gedenkveranstaltung rund 400 Personen zusammengekommen, um für ein "respektvolles Miteinander" zu werben und dies zu fördern. Schäuble würdigte gleichzeitig die Familie Genç, die sich stets für Versöhnung eingesetzt habe.

Bei dem fremdenfeindlichen Brandanschlag auf das Haus der Familie Genç an der Unteren Wernerstraße waren am 29. Mai 1993 fünf türkische Mädchen und Frauen ums Leben gekommen. Die heute 65-jährige Mevlüde Genç und ihr Ehemann verloren zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte.

Ihr Sohn Bekir überlebte nur knapp und mit schwersten Verletzungen. Die vier jugendlichen Täter wurden 1995 wegen fünffachen Mordes, 14-fachen Mordversuchs und besonders schwerer Brandstiftung zu Haftstrafen zwischen zehn und 15 Jahren verurteilt.

Worte der Verständigung

Mit dem Genç-Preis ausgezeichnet wurde Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma wegen seines Einsatzes für die Integration, insbesondere als Vermittler in den Debatten um den Kölner Moscheebau. Weiterer Preisträger ist Kamil Kaplan, der bei der Brandkatastrophe in Ludwigshafen im Februar dieses Jahres — die offenbar keinen fremdenfeindlichen Hintergrund hatte — seine Ehefrau und Kinder sowie seine Mutter verlor.

"Dennoch habe er bei der damaligen Trauerfeier Worte "der Versöhnung, der Verständigung und der Integration" gefunden, erklärte Laudatorin Emine Demirbüken-Wegner. Damit habe er Zeichen gesetzt und sich nicht instrumentalisieren lassen von Scharfmachern und Propagandisten.

Kaplan bedankte sich für die Auszeichnung: "In Zeiten wie diesen ist es gut zu wissen, dass man viele Freunde hat", erklärte der 29-Jährige. Er erlangte Berühmheit durch weltweit verbreitete Fernsehbilder, als er seinen kleinen Neffen Onur vor den Flammen nach einem Blickkontakt zu einem Polizisten aus dem Fenster warf, und der Neffe von dem Polizeibeamten sicher aufgefangen werden konnte.

Für Staatsministerin Maria Böhmer, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, war gestern "ein Tag des Gedenkens, aber auch ein Tag der Hoffnung und Integration". Überall müsse Rassismus gebrandmarkt werden, forderte Böhm, "ein unerschütterliches Einstehen füreinander" müsse die Antwort auf Rechtsextremismus sein.

Hier geht es zur Bilderstrecke: 2008: Bilder der Gedenkfeier zum Brandanschlag

(RP)