Als Franz-Josef Wallbraun aus Solingen Husseins Geisel wurde

WDR-Doku „Unser Land in den 90ern“ : Als ein Solinger Husseins Geisel wurde

Franz-Josef Wallbraun aus Solingen war 1990 vier Monate lang als Geisel im Irak gefangen. Die erste Folge der neuen Dokureihe des WDR „Unser Land in den 90ern“ handelt auch von seiner Geschichte. Am Freitag, 9. August, wird der Film ausgestrahlt.

1990 war für viele Menschen ein aufregendes Jahr – die Mauer stand nicht mehr, Deutschland wurde Fußball-Weltmeister, die Grünen zogen zum ersten Mal in den Düsseldorfer Landtag ein. Für Ursula Wallbraun aus Solingen war es ein Jahr, das durch die Angst um ihren Mann gezeichnet wurde. Der Ingeneur war 1990 im Irak, am 9. August schloss Saddam Hussein die Grenzen. Es begann die Geschichte der „größten Geiselnahme seit dem Zweiten Weltkrieg“, wie der Spiegel damals schrieb. Bis zu 10.000 Menschen waren in dem Land gefangen.

Diese Geschichte erzählt das WDR-Fernsehen am Freitag, 9. August, in der ersten Folge der neuen Dokumentationsreihe „Unser Land in den 90ern“. Ab 20.15 Uhr läuft die erste von zehn 45-minütigen Folgen, die jeweils ein Jahr in dem bewegten Jahrzehnt ab 1990 behandeln. Beeindruckende Archivbilder wechseln sich mit aktuellen Aufnahmen ab, ein Ereignis folgt auf das nächste. Auf Freude folgt Trauer.

Nachdem also eine Sequenz davon handelt, wie Pierre Littbarski 1990 seinen Platz in der Startelf fürs Finale der Fußball-Weltmeisterschaft sicherte und wie ausgelassen die Mannschaft danach feierte, kommt das Interview mit Ursula Wallbraun. Monatelang sah die Solingerin ihren Mann Franz-Josef Wallbraun nicht. Ob sie ihn jemals wieder sehen würde, war ungewiss. Sie spricht von der Angst, einen Partner zu verlieren. Und den Vater ihrer zwei Töchter.

Die Solingerin Ursula Wallbraun spricht im WDR-Film über die Angst davor, ihren Ehemann nie wieder zu sehen. Foto: WDR

Dass es so weit gekommen ist, lag auch an der deutschen Politik. Nachdem irakische Truppen Kuwait besetzten und Saddam Hussein die Grenze schloss, reagierten die weltweiten Regierungen unterschiedlich auf die Geiselnahme von den rund 8000 bis 10.000 Ausländern. Die Franzosen darunter wurden nach geheimen Verhandlungen ihrer Regierung freigelassen. Der damalige österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim fliegt indes selbst in den Irak – danach dürfen mehr als 100 Geiseln das Land verlassen. Die USA und Großbritannien entschieden sich für eine Strategie der Härte. Die deutsche Regierung hadert mit der Entscheidung. Es dauert einige Wochen bis die Reaktion von Bundeskanzler Helmut Kohl feststeht – er lehnt es ab, mit dem Regime zu verhandeln.

Franz-Josef Wallbraun war vier Monate lang einer der Geiseln von Saddam Hussein. Foto: WDR

Vier Monate werden vergehen, bis Ursula Wallbraun ihren Mann wieder sieht, für sie ist die Entscheidung der Regierung bis heute schwer nachvollziehbar. „Hartherzig“ nennt sie die Reaktion. Kohl hätte aus ihrer Sicht an die Familien denken. Wallbraun darf nicht einmal mit ihrem Mann offen über sein Schicksal sprechen – das sei ihr von der Regierung verboten worden.

Die Angehörigen protestieren in Bonn, die Regierung gerät unter Druck. Die Rettung für Franz-Josef Wallbraun kommt in der Person von Willy Brandt, der zu dieser Zeit dank einer ungewöhnlichen Position unabhängig von dem Bundestag agieren kann. Brandt ist nämlich Präsident der Sozialistischen Internationale, ein Bündnis von sozalistischen und sozialdemokratischen Parteien. Dadurch konnte er nach Bagdad fliegen – nicht im Auftrag der Regierung, sondern auf einer internationalen diplomatischen Mission. 126 Deutsche und 51 ausländische Staatsangehörige kann er dadurch befreien. Wenn Ursula Wallbraun von der Landung der Lufthansa-Maschine in Frankfurt erzählt, bekommt sie heute noch Gänsehaut.

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