Solingen: Abschied vom Zivi

Solingen : Abschied vom Zivi

An ihre Grenzen geraten soziale Einrichtungen mit der Verkürzung des Zivildienstes auf sechs Monate. Gemeindeschwester Bettina Hahmann will sich eine Zeit ohne Zivis erst gar nicht vorstellen. "Das wäre ein Fiasko".

Norbert Glenz ist auf den Rollstuhl angewiesen. Der 70-Jährige ist froh, dass es junge Leute wie Robin Fischer und Patrick Sarschitzki gibt. Die beiden 19 Jahre alten Zivis des Malteser Hilfsdienstes fahren ihn mit dem Wagen zum Arzt oder zur Physiotherapie. Und eigentlich bleibt immer noch ein bisschen Zeit, miteinander zu plaudern. Vertrauen ist entstanden. Malteser-Dienststellenleiterin Bettina Heuschkel spricht sogar von wichtigen Bezugspersonen, die die insgesamt elf Zivis bei ihr für die vielen meist älteren Menschen geworden sind. "Die jungen Leute übernehmen auch Aufgaben, für die wir im normalen Alltag keine Zeit haben."

Dabei ist der Job mit der Verkürzung auf sechs Monate inzwischen zum Zivildienst im Schnelldurchgang geworden. "Das ist das Problem", erklärt Heuschkel. Einarbeitungsphase, Lehrgänge, interne Schulungen – unterm Strich bleibt nicht mehr viel Zeit für den praktischen Dienst. Das mache wirtschaftlich dann keinen Sinn mehr. Aus Sicht von Roland Münter aus der Personalabteilung beim Diakonischen Werk Bethanien ist die Dienstzeit jetzt jedenfalls an einer Schmerzgrenze angekommen. Das gilt auch für die Patienten, die von den jungen Männern umsorgt werden. Gerade ist eine Beziehung aufgebaut, endet sie auch schon wieder. Münter: "Kaum sind die Zivis da, sind sie auch schon wieder weg."

Er bedauert, dass ihre Dienstzeit immer weiter heruntergefahren wurde. 30 Stellen könnten im Altenheim und in der Klinik in Aufderhöhe vergeben werden, doch nur neun sind besetzt. Das zeigt, wie umworben die Zivis sind, viele Jobs stehen ihnen zur Auswahl. Bettina Hahmann, Gemeindeschwester der evangelischen Gemeinde Wald, will sich eine Zeit erst gar nicht ausmalen, in der der Zivildienst gestrichen wird. "Das wäre ein Fiasko." Doch diese Zeit dürfte schon bald kommen. Immer konkreter wird, den Grundwehrdienst Mitte nächsten Jahres auslaufen zu lassen. Damit dürfte auch der daran gekoppelte Ersatzdienst gekippt werden.

Kommt dafür der Zivildienst auf freiwilliger Basis? Bettina Heuschkel vom Malteser Hilfsdienst ist skeptisch, dass sich dann noch genügend Bewerber melden werden. Bei den Maltesern, aber auch in Bethanien will man die Lücke mit jungen Menschen im freiwilligen sozialen Jahr füllen.

Das erwägt ebenso Markus Meurer, Leiter der Gräfrather Jugendherberge, dem derzeit noch ein Zivi zur Seite steht.

Zwei Zivis sind bei der Arbeiterwohlfahrt im Einsatz, bringen unter anderem "Essen auf Rädern" zu alten und kranken Menschen. "Früher hatten wir einmal fünf Zivildienstleistende", sagt Geschäftsführer Bernd Böhm, der einst selbst Wehrdienstverweigerer war. Auch er stellt sich auf eine Zukunft ohne die Dienste der jungen Männer ein, erwartet steigende Kosten, die umgelegt werden müssten.

Dabei würde es in der Walder Kirchengemeinde nicht bleiben. "Der von unseren beiden Zivis betreute Arbeitsbereich müsste hier dann komplett wegfallen", befürchtet Gemeindeschwester Bettina Hahmann. Vorerst ist sie allerdings heilfroh, dass Chris Tilmes und Marius Geib noch einige Monate Dienstzeit vor sich haben. Die beiden 21-Jährigen fahren Ältere zum Einkaufen oder zum Arzt, sie helfen in der Kleiderkammer und bei der Essensausgabe an Bedürftige.

(RP)
Mehr von RP ONLINE