Solingen: 100 "besorgte Bürger" demonstrieren in der City

Solingen: 100 "besorgte Bürger" demonstrieren in der City

Vier Tage nach den Gedenkfeiern zum Brandanschlag in Solingen demonstrierten jetzt die "Patrioten NRW" in der Stadt.

Vier Minuten bis zur Polizei und zur Post, sagt der Wegweiser am Rand des Graf-Wilhelm-Platzes. Das galt am Samstagnachmittag nur für die Post. Denn die Polizisten waren zum Greifen nahe: Rund 100 Beamte sorgten dafür, dass "rechte" und "linke" Demonstranten - mit Blick auf den Hofgarten gesehen - sich nur per Geräuschkulisse ins Gehege gerieten.

Polizisten der Einsatzhundertschaft aus Düsseldorf schirmten mit ihren Körpern und zehn zur Wagenburg aufgestellten Mannschaftswagen eine Veranstaltung der "Patrioten NRW" ab. Deren Motto: "Für die Meinungsfreiheit" - und gegen das Netzwerkdurchsetzungsgesetz ("Facebook-Gesetz"). Der rote Faden bei vielen ihrer Redner: die Angst vor Überfremdung. Die Lösung laut mitgeführten Bannern: "Remigration".

50 Meter weiter, in der Nähe der Wasserbecken des Neumarkts, standen die Gegendemonstranten - aufgerufen vom Bündnis "Bunt statt braun" und unterstützt durch die Band "Ärger now". Einem derart "menschenverachtenden Auftritt" wolle man nicht die Bühne überlassen, erklärte Initiator Hans-Werner Bertl: "Wir sind deutlich mehr."

Der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete ist einer der Gründer des Bündnisses, dem 59 Solinger Organisationen angehören. Bertl kritisierte vor allem den Zeitpunkt des ersten Solinger Auftritts der Patrioten, "vier Tage nachdem in der Stadt ein beeindruckendes Gedenken an den Brandanschlag stattgefunden hat".

"Das hat damit nichts zu tun", widersprach der Organisator der Patrioten. "Die haben doch ihre Gedenkfeier gehabt", sagte Stefan, der seinen Nachnamen nicht nennen will - wie manche der Redner.

Solingen habe man gewählt, weil die meisten der rund 100 Teilnehmer und er selbst in der Klingenstadt wohnten. Andere seien vom Niederrhein gekommen. Vertreten waren auch Mitglieder von Frauenbündnissen und "Identitäre", eine "friedliche und patriotische Jugendbewegung".

Die Standpunkte waren klar. Nur einige Zitate: "Ich mag keine Menschen, die ihre Frauen einsperren. Ich bin überzeugt, dass der Islam nicht zu Nordrhein-Westfalen und Deutschland gehört." "Wir sind das Volk." "Merkel muss weg." "Die Integration ist gescheitert." "Multikulti Endstation." "Macht die Grenzen dicht." "Unsere Sprache, unser Land."

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Mit entsprechenden Schlachtrufen machten sich Patrioten und Identitäre gegen 16 Uhr auf einen Demonstrationszug vorbei an Verbraucherzentrale und Post zurück zum Graf-Wilhelm-Platz: "Unsere Unzufriedenheit muss auf die Straße."

"Als Nazis werden wir nur bezeichnet, weil man das Wort Systemkritiker nicht aussprechen kann", betonte einer der Redner - während in einem anderen Beitrag die Freilassung der Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck verlangt wurde: "Selbst in der DDR hat man über 88-Jährige nicht inhaftiert."

Gefordert wurde auch die Freilassung des britischen Islam-Kritikers Stephen Lennon ("Tommy Robinson"), der im Mai im Schnellverfahren zu 13 Monaten Gefängnis verurteilt wurde.

Während die Patrioten das Grundgesetz und Visitenkarten eines Rechtsanwalts verteilten ("Zensur bei Facebook? Jetzt wehren!"), warnte Hans-Werner Bertl: "Wir erleben in der europäischen Gesellschaft einen Erosionsprozess der Demokratie."

"Wir sind einfach nur besorgte Bürger", erklärte Stefan, bevor am Ende seiner Veranstaltung die Nationalhymne erklingt - begleitet von einem Trillerpfeifen-Konzert der Gegendemonstranten.

Wenn es nach Stefan geht, war es übrigens nicht das letzte Aufeinandertreffen: "Wir werden wiederkommen."

(RP)
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