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Rommerskirchen: Wandern auf dem Bahndamm

Rommerskirchen : Wandern auf dem Bahndamm

Am Anfang war der strategische Ansatz: Eine Eisenbahnlinie, die das Ruhrgebiet mit Lothringen verbindet. Schienen hat die Trasse nie gesehen. Heute ist sie der ungewöhnlichste und geheimnisvollste Wanderweg im Kreisgebiet.

Das schmale, grüne Band teilt die Kulturlandschaft. Anarchisch mutet es an, wenn sich in einer ansonsten geordneten Welt Fußgänger, Reiter und Radler den unbefestigten Weg teilen, der kilometerweit nur ein Trampelpfad ist. Der Strategische Bahndamm, der Rommerskirchen mit Neuss verbindet, ist ein bewusst vergessenes Stück Rhein-Kreis – und das macht ihn so reizvoll.

Geheimnisvoll: Bäume und Sträucher bilden oft einen Hohlweg. Foto: Berns, Lothar

Die Planer des Strategischen Bahndamms besaßen eine kühne Vision, doch sie scheiterten an der Umsetzung. Geblieben ist eine verwunschene Trasse, die nie eine Schiene gesehen hat, die sich – teils als Damm, teils als Trog – durch niederrheinische Landschaft zieht. Lange Baumreihen beiderseits bilden im Zusammenspiel mit Sträuchern oftmals einen Hohlweg und säumen so die vielleicht ungewöhnlichste und geheimnisvollste Wanderroute im Kreisgebiet.

Hingucker am Wegesrand des Bahndamms: Kunstwerk des verstorbenen Norbert Prangenberg aus Rommerskirchen. Foto: LOTHAR BERNS

Der gut erhaltene Abschnitt zwischen Eckum und Helpenstein ist der heute noch erlebbare Teil eines einstmals ehrgeizigen Projekts. Der sogenannte Strategische Bahndamm sollte, so die Idee zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das industrielle Ruhrgebiet mit dem Saarland und Lothringen verbinden. Mit dem Bau wurde 1904 begonnen. Nachdem Deutschland den Ersten Weltkrieg verloren hatte, verhinderte Frankreich die Fertigstellung: So blieb die Bahntrasse unvollendet. Ein Schicksal, das sie mit dem Nordkanal teilt, der nur wenige Kilometer entfernt als unvollendetes Bauwerk sein Leben fristet. Ihn wollte Napoleon zur schiffbaren Verbindung zwischen dem Rhein und der Maas machen – vergeblich.

Reste des Strategischen Bahndamms sind hierzulande erhalten. Im Reuschenberger Wald ("Teufelsschlucht") und vor allem eben die Trassenführung zwischen Eckum und Helpenstein – schnurgerade und angenehm eben. Brücken von beeindruckender Dimension ermöglichen das kreuzungsfreie Queren von Straßen und Feldwegen. Nur viermal muss der Wanderer den Damm verlassen, um eine Straße zu passieren, weil der Brückenschlag fehlt. Der Weg ist aber nur für geübte Radler mit guten Steuerkünsten geeignet.

Auf der dreistündigen Tour kommen auch Kunst und Gastronomie nicht zur kurz. Um Werke des Helpensteiners Ulrich Rückriem ausstellen zu können, wurde einst eine Galerie in Los Angeles umgebaut. Auf dem Strategischen Bahndamm markieren "Sieben Scheiben" des Künstlers von Weltruf diesen einzigartigen Kunst-Wanderweg, der vom Eckumer Bahnhof bis Helpenstein führt, wo Ulrich Rückriem aufwuchs. Eine der mächtigen Granit-Skulpturen aus Rückriems Werkstatt erinnert an einen trotzigen Wächter. Doch wer die Erft erreicht und den Damm verlassen will, den lässt der "Wegsteher" passieren.

So signalisiert er Verständnis, dass der ermüdete Wanderer in Helpenstein dem Biergarten der Gaststätte "Am Fuusseberg" zu strebt. Dort wartet ein kühles Bier als Lohn für die Wanderlust.

(NGZ/ac)