Rommerskirchen: Oberarzt Joachim Gutzke referiert über Demenz.

Gesundheitsvortrag in Rommerskirchen-Sinsteden : Oberarzt klärt über Demenz auf

Joachim Gutzke aus den St. Augustinus-Fachkliniken in Neuss referierte in Sinsteden.

Dieses Thema geht alle an. „Was früher Lepra und Cholera waren, sind heute Demenz und Depression.“ So startete Dr. Joachim Gutzke, Oberarzt an den St. Augustinus-Fachkliniken in Neuss,seinen Vortrag über schlimme Krankheitsbilder. Alles kreiste um die Demenz „als eine altersbedingte Abnahme von sinnvollem Planen und Denken“. Die Patienten kommen mit vielem nicht mehr klar, und das betrifft sogar die einfachsten Dinge im Alltagsleben.

Bevor der Arzt auf Details einging, hielt er einen entscheidenden Rat bereit. So habe sich das Fördern von musischen Dingen wie Basteln und Musik bei seinen 600 Krankenhaus-Patienten für die Genesung als sehr hilfreich erwiesen. Damit sei freilich nicht die Gesundung gemeint, sondern allenfalls ein Stopp des Krankheitsbildes im Sinne eines erträglichen Status. Demenz ist nicht heilbar. Hohes Alter und Veranlagung begünstigen die Erkrankung.

Aber auch ein Hirntrauma, beispielsweise nach einem Sturz mit dem Fahrrad, könne mit dem Verlust von Elektrolyten und der Sauerstoffversorgung zu grauenhaften Symptomen führen: Gedächtnis- und Orientierungsprobleme. Gutzke: „Je weiter etwas zurückliegt, umso lebhafter ist die Erinnerung.“ Patienten um die 80 denken gelegentlich, ihre Eltern würden noch leben, Puppen werden als kleine Babys wahrgenommen, und in manchen Situationen bricht offene Aggression aus.

Erschreckend und stark belastend sind weitere Krankheitsbilder. Sich dabei in die Befindlichkeiten der Patienten zu versetzen, das fällt den Angehörigen zunehmend schwer: Demenzkranke erkennen ihr eigenes Spiegelbild nicht, und auch bei aktuellen Fotos tappen sie im Dunklen. Dagegen stimmt auf Bildern aus ihrer Jugend das Erkennen. Das Denken wird langsamer, und die Begriffe verschwinden. Ein verblüffendes Phänomen zeigt sich bei bejahrten ausländischen Patienten, indem sie statt Deutsch wieder ihre frühere Sprache verwenden.

Schnelle Wechsel zwischen Lachen und Weinen bestimmen bei vielen Kranken Affektstörungen. Die Persönlichkeit löst sich auf oder ändert sich. So werden im „richtigen Leben“ einst Ruppige plötzlich mild und umgekehrt. Angstzustände, Halluzinationen und Wahnideen runden die Krankheitsbilder ab. Demenz äußert sich in verschiedenen Ausprägungen. Am häufigsten tritt die Alzheimerkrankheit auf, gefolgt von Parkinson und Creutzfeld-Jakob.

Die Schäden kommen schleichend und fallen zuerst dem Umfeld auf. Dann ist die Familie gefordert, indem sie gemeinsam den Hausarzt mit seinen Therapieansätzen konsultiert, Selbsthilfegruppen kontaktiert und den Patienten ständig im Auge behält. Den Kranken ist es oft überhaupt nicht bewusst, wie schlimm es um sie steht. „Weil viele Menschen heute allein leben, verschärfen sich die Probleme“, warnt Joachim Gutzke. Er belegt, wie hoch die Belastung für die Angehörigen ist und dass viele überfordert sind.

Besonders tückisch ist an der Demenz, dass sie überraschend spontan auftritt. Eine gesunde Lebensart mit viel Obst und Gemüse sowie Bewegung wirke in gewisser Weise prophylaktisch, sagt der Klinikarzt. Doch so viel Glück wie der Schriftsteller und Insektenforscher Ernst Jünger, der 103 Jahre gelebt hat, gertenschlank und klar im Kopf war – so viel Glück ist leider nur wenigen beschieden. Durchgreifende therapeutische Strategien sind leider noch nicht in Sicht.

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