1. NRW
  2. Städte
  3. Rommerskirchen

Rommerskirchen: Gebetbuch erzählt Geschichte

Rommerskirchen : Gebetbuch erzählt Geschichte

Im Geschichtskreis des Netzwerks 55plus stellte Erhard Nolden drei alte Gebetbücher vor – darunter ein von seinem Vater handgeschriebenes Buch, das dieser als Soldat an der Front schrieb.

ErhardUrsprünglich brachten familiäre Gründe Erhard Nolden dazu, sich intensiver mit geschichtlichen Fragen auseinanderzusetzen: Nach dem Tod seines Vaters 1976 übergab ihm seine Mutter aus dessen Nachlass unter anderem ein Gebetbuch, das von ganz besonderer Art ist: Wilhelm Nolden (1899 bis 1976) hatte es im Zweiten Weltkrieg von eigener Hand verfasst. Mit einem Kopierstift schrieb er eigene Gebete auf Wehrmachtspostkarten. Die hat der gelernte Schuhmacher mit grobem Leder zu einem handlichen Buch gebunden. Dieses und andere Gebetbücher aus seiner zwölfteiligen Sammlung hat Erhard Nolden jetzt beim Geschichtskreis des Seniorennetzwerks 55 plus vorgestellt.

Den Krieg überlebt

Für dessen Sprecher Klaus Erdmann ist dieses völlig unkonventionelle Gebetbuch ein Zeugnis "vom christlichen Glauben einer vergangenen Zeit". Erhard Nolden, bis zum Jahr 2000 Jahrzehnte lang Leiter der Sparkassenfiliale in Nettesheim, war selbst erstaunt, als er das Büchlein las: Es finden sich darin keine der gängigen oder "vorgefertigten" Gebete, vielmehr habe sein Vater darin jeweils seine konkrete Situation während des Kriegs zum Ausdruck gebracht – was ihm zumindest geholfen habe, diesen geistig zu überstehen.

Dass er noch mit fast 40 Jahren zur Wehrmacht eingezogen wurde, nachdem er für sich, seine Frau und die vier Kinder im inzwischen dem Tagebaubagger zum Opfer gefallenen Holz eine Existenz aufgebaut hatte, habe seinem Vater schwer zu schaffen gemacht, so Nolden. Er vermutet, dass Wilhelm Nolden begonnen hat, dieses Buch zu schreiben, als katholische Soldaten die damals gängige Fibel abgeben mussten. Auch wenn sich darin – mit dem Segen des damaligen obersten Militärbischofs – der berüchtigte Treueeid auf Adolf Hitler befand, enthielt das Büchlein offensichtlich mehr an christlichem Gedankengut als die Nazis gebrauchen konnten.

Ein zweites Buch, das Erhard Nolden jetzt bei den Lokalhistorikern vorstellte, gehörte ursprünglich dem Ansteler Heinrich Schlangen. Es trägt den Titel "Vademecum-Taschengebetbüchlein für katholische Christen", stammt von einem Pfarrer J.B. Kohl und ist 1925 im Wallfahrtsort Kevelaer erschienen. Das Besondere daran: Auch in diesem Büchlein finden sich handgeschriebene Gebete, die in Kurzschrift verfasst wurden. Als Autor kommt vermutlich der genannte Pfarrer in Betracht. Um den Text zu "übersetzen", sucht Klaus Erdmann jetzt – innerhalb und außerhalb des Geschichtskreises – nach stenokundigen "Freiwilligen".

(NGZ)