Dormagen: Hildegard von Bingen hatte Beziehungen nach Knechtsteden

Bibliotheksabend in Knechtsteden: Hildegard von Bingens langer Weg zur Heiligsprechung

Sie war Mystikerin, Seherin, Naturforscherin, Heilkundige und Medizinerin, aber auch Musikerin. Bei Gläubigen wie Nicht-Gläubigen genießt Hildegard von Bingen – aus durchaus unterschiedlichen Gründen – hohe Wertschätzung.

Die katholische Kirche verehrt sie als Heilige, aber auch protestantische Kirchen widmen Hildegard von Bingen feste Gedenktage. Dem 137. Knechtstedener Bibliotheksabend bescherte das Thema jetzt den diesjährigen Rekordbesuch. Der Kirchenhistoriker Professor Georg Gresser widmete sich der Vita Hildegards, wobei das Interesse nicht zuletzt dem langen Prozess ihrer Heiligsprechung galt. Der dauerte nämlich fast 800 Jahre, was nicht allein für Pater Hermann-Josef Reetz in auffälligem Kontrast zur heutigen Praxis steht. Gleich eingangs beantwortete Reetz die in der Einladung angesprochene Frage, worin die Beziehungen Hildegards zu Knechtsteden bestanden haben könnten. Hierfür gibt es zwei Spuren. So war Hugo von Sponheim, Bruder von Hildegards Lehrerin Jutta von Sponheim und kurzzeitig Erzbischof von Köln, Stifter der damaligen Prämonstratenserabtei Knechtsteden. Dass Hildegard auch Hugo gekannt hat, kann als wahrscheinlich gelten. Ein Brief an den Abt von Knechtsteden, in dem sie den an seiner eigenen Amtsführung Zweifelnden diese Zweifel zu nehmen sucht, gilt indes heute, wie die meisten ihr zugeschriebenen Briefe, als unecht.

Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) war die einflussreichste Klosterfrau des Mittelalters. Bereits zu Lebzeiten wurde sie als Heilige verehrt, wobei der erste Versuch, sie formal heilig zu sprechen, 1228 erfolgte, indes in den folgenden Jahrzehnten nicht zum Abschluss kam. Erst 2012 nahm sie Papst Benedikt XVI. als guter Kenner ihres Werks in das Verzeichnis der Heiligen auf und ernannte sie wenige Monate später zur Kirchenlehrerin. Pius XII. hatte bereits während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland ihre Anrufung als Heilige gestattet, als solche verehrt wurde sie schon Jahrhunderte lang. Dass es mit ihrer Heiligsprechung derart lange dauerte, lag denn auch weniger an kirchliche Vorbehalten gegen Hildegard, sondern am kirchlichen Formalismus, wie Georg Gresser deutlich machte.

(S.M.)
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