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Rommerskirchen: Dönekes aus Deelen

Rommerskirchen : Dönekes aus Deelen

Jakob Mausberg (86) las im Roncalli-Haus aus seiner Chronik der alten Deelener Schule. Die gut 50 Besucher hatten Gelegenheit, sich bei manchem Anekdötchen bestens zu amüsieren.

Lokalgeschichte boomt — dieses schon länger bekannte Phänomen zeigte sich jetzt auch im Roncalli-Haus, wo gut 50 Besucher mit großem Interesse die Lesung von Jakob Mausberg aus der von ihm redigierten Chronik der Deelener Schule verfolgten. Mausberg hatte die Chronik vor etlichen Jahren aus vorhandenen Bruchstücken rekonstruiert und um andere Dokumente ergänzt.

Amüsantes und Trauriges aus dem frühen 20. Jahrhundert servierte der 86-jährige Hemmerdener, der nach dem Zweiten Weltkrieg lange in Oekoven gelebt hatte, seinem gebannt lauschenden Publikum, das sich keineswegs nur aus Mitstreitern des Netzwerks 55+ rekrutierte.

Heiterkeit lösten bei den Zuhörern insbesondere die Eskapaden des einstigen Pfarrers Johannes Klütsch aus — der Zwischenruf "Don Camillo" erfolgte aus gutem Grund —, wenngleich der rabiate Geistliche es weniger mit der "roten Gefahr" als mit Bedrohungen von Anstand und Sitte zu tun hatte.

Dass in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts belgische Truppen auf dem Oekovener Bahnhof stationiert waren und der Chronik zufolge "einen widerlichen Lebenswandel" pflegten, verfehlte nicht seinen Reiz auf die jüngere Damenwelt von Oekoven. Im Ton der damaligen Zeit liest sich dies wie folgt: " Würdelose Mädchen knüpfen Verkehr mit den Truppen an, darunter Kinder von nicht 18 Jahren."

Der gestrenge Geistliche fühlte sich jedenfalls genötigt, gemeinsam mit dem Lehrer Wilhelm Neuhaus die Höhle des Löwen aufzusuchen. Die Mädchen aus Oekoven, die dabei erwischt wurden, nahmen Reißaus über die Bahngleise bis nach Rommerskirchen, doch ihre Verfolger blieben ihnen auf der Spur. Des Pfarrers Erwartung an den Lehrer, dass der Unterricht am folgenden Tag "sehr lebhaft" sein würde, dürfte sich erfüllt haben.

Ähnlich rustikal ging es zu, als Klütsch in der Kirche zwei junge Frauen sichtete, deren Garderobe ihn beeindruckte — überaus negativ allerdings: "Oben äußerst spärlich bekleidet (ärmellos, mit supertiefem Ausschnitt)", beschreibt die Chronik die damalige Mode. Johannes Klütschs reagierte nicht wie ein Gentleman: "Herr Lehrer, sind die Säue aus unserer Klasse?", fragte er mit lauter Stimme den ihn begleitenden Schulmeister.

Die beiden Frauen stammten aus Köln und eine von ihnen hat dem Pfarrer brieflich geantwortet. Dass sie für eine Kirche nicht geziemend gekleidet gewesen seien, räumte sie ein. Dennoch solle der Pfarrer nicht meinen, dass nicht auch in seiner Gemeinde solche Kleider getragen würden. Namen hätte sie nicht nennen sollen, denn Klütsch trat an zum Hausbesuch und versicherte anschließend dem Lehrer: "Die Kleider ziehen die nie mehr an."

(NGZ)