Rommerskirchen: Das Blues-Hotel

Rommerskirchen: Das Blues-Hotel

Immer wenn im Kulturzentrum Sinsteden die letzten Klänge verhallt sind, finden Bluesmusiker Ruhe an der Monschauer Straße. Der Gasthof Kaufmann beherbergt Bandmitglieder, die oftmals von weit her gereist kommen.

Es ist eine irreale Szene: Colin Hodgkinson, ehemaliger Bassist der Hardrock-Institution Whitesnake, sitzt gemütlich an einem Tisch des Hotel Kaufmann in Sinsteden, schaufelt Muscheln in seinen Mund und vertreibt sich die Zeit mit Smalltalk. Norbert Nürnberg (53) sticht mit der Gabel in ein Stück Käsekuchen, während er die Anekdote erzählt. Es ist eine von vielen. Nürnberg ist der Buchhalter des Hotels und neben der Familie Weidenhaupt auch ein wenig dafür verantwortlich, dass Sinsteden regelmäßig im Blues versinkt.

Im Gasthof Kaufmann finden oftmals die Musiker Unterkunft, nachdem im nahen Kulturzentrum die Verstärker ausgeschaltet wurden. Mit einem Imbisswagen hat Robert Kaufmann angefangen, er ist damals von Schützenfest zu Schützenfest getingelt. Im Jahr 1976 hat der heute 68-Jährige das Hotel gebaut, zunächst mit acht Zimmern – "und darauf haben wir aufgebaut", sagt der Chef. "Kneipe mit Fremdenzimmer" hieß das damals. Heute bietet der Gasthof Kaufmann 25 Zimmer an. "Eigentlich wollten wir noch einen Saal anbauen – dochdann kam die Wirtschaftskrise", sagt Kaufmann. Aschenbecher stehen auf dem Tisch, es herrscht die Atmosphäre wie in einem gemütlichen Motel an einer Bundesstraße. Vorwiegend Monteure, die auf der nahegelegenen RWE-Baustelle die Kraftwerksblöcke in die Höhe ziehen, übernachten hier. "Es geht hier sehr familiär zu", erklärt Nürnberg, der "als alter Blueser" oft auf Konzerte fährt.

Die Namen der Musiker, die im Hotel übernachtet haben, kann er im Schlaf runterbeten – und die sind dem Hotel oftmals zu Dank verpflichtet: Als der Däne H.P Lange nach seinem Aufenthalt an der Monschauer Straße wieder in seiner Heimat angekommen war, bemerkte er erst dort, dass sein Pass fehlte.

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"Er musste dringend zu einem Auftritt in die Schweiz", erzählt Nürnberg. Die Mitarbeiter stellten darauf das ganze Hotel auf den Kopf – und fanden den Pass schließlich in einer Mülltonne. Er muss vom Schreibtisch dort reingefallen sein. "Wir haben den Ausweis dann per DHL nach Dänemark geschickt", sagt Nürnberg. Er weiß auch von Musikern, "die nach dem Konzert in die Kneipe gegangen sind, um einen zu zwitschern". Namen werden aber natürlich nicht verraten. Es herrscht Diskretion. Morgens um 6 Uhr wird für die Gäste auch schon mal Frühstück gemacht. – Katerfrühstück?

Robert Kaufmanns Sohn Wolfgang hat inzwischen den Gaststättenbetrieb übernommen, der Senior leitet weiterhin den Hotelbetrieb. Am Samstag wird Andrea Porten und Blues Delivery im Kulturzentrum spielen. Dann werden die Autoschlangen wieder bis zum Hotel reichen. Robert Kaufmann will sich für den Blues allerdings nicht so richtig begeistern. Er lacht: "Wenn die Wildecker Herzbuben kämen, das wäre schon etwas anderes."

(NGZ)
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