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350 Akten im Rathauskeller entdeckt

Historische Standesamt-Akten aus Rommerskirchen : Überraschungsfund im Rathauskeller

Im Kreisarchiv Zons können Interessierte jetzt verloren geglaubte Standesamtsakten von den 1870-er bis zu den 1950-er Jahren einsehen.

Über einen unverhofften Fund konnte sich im Frühjahr das Kreisarchiv in Zons freuen: Im Keller des alten Rathauses an der Bahnstraße war Ordnungsamtsleiter Hans Knelleken, zugleich langjähriger Leiter des Standesamts, selbst überrascht: In einem eigentlich für alte Akten des Bauamts reservierten Raum lagerten auch rund 350 stark verschmutzte, alte Akten des Standesamts.

Ohne den Tipp des früheren Gemeindearchivars Gerd Blaschke, der jetzt im Kreisarchiv tätig ist, hätten die Akten dort womöglich noch Jahrzehnte verbringen können. „Sie sind mir schon vor gut 15 Jahren aufgefallen, doch damals war es gesetzlich nicht möglich, sie zu bergen“, erinnert sich Blaschke. Erst seit 2009 ist die Rechtslage anders. „Der Großteil waren Sammelakten aus der Zeit ab Mitte der 1880-er Jahre, wirklich ein toller Fund“, sagt Kreisarchiv-Mitarbeiter Martin Lambertz, der die Bestände im Rathauskeller gesichtet hat. Dass die im Kreisarchiv bislang weitgehend fehlten, war dort schon oft bedauert worden. „Insbesondere Sammelakten aus Kriegszeiten und aus der unmittelbaren Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs sind interessant, da hier so manche Information enthalten ist, die die Geburten-, Heirats und Sterberegister, die wir bereits im Archiv haben, nicht beinhalten“, erläutert Stephen Schröder, der Leiter des Kreisarchivs. Die Sammelakten bieten die Grundlage für die Erstellung der genannten Register.

Am Ende einer fachlichen Bewertung blieben rund 100 Jahrgänge übrig. Nachdem sie gesäubert, teils neu verpackt und in der Fachsoftware des Archivs erfasst worden sind, fanden sie Eingang in den Bestand des Kreisarchivs.

In den Sammelakten zu Heiratsregistern können zahlreiche personen- und familienbezogene Informationen enthalten sein, die aus den bloßen Heiratsregistern nicht hervorgehen. „ Nicht zuletzt die nationalsozialistische Zeit erscheint in diesem Kontext von besonderem Interesse“, sagt Stephen Schröder mit Blick auf spezifisch nationalsozialistische Phänomene wie „Ariernachweise.“ „Bei verdächtiger Abstammung“, wie es die Nazis nannten, mussten die Geburtsurkunden der Großeltern beigebracht werden. Auch die „Reichsstelle für Sippenforschung“ hatte einen Bescheid zu erlassen.

Doch auch sonst bieten die Akten insbesondere aus der Kaiserzeit kulturhistorisch manch interessante Details, die heutzutage teilweise wunderlich anmuten. Bei heiratswilligen Männern unter 25 Jahren und Frauen unter 24 war nach 1875 noch der Konsens der Eltern nötig. Gab es den nicht, konnte dieser Konsens von den Ehewilligen eingeklagt werden. Ehebruch war seinerzeit noch ein Straftatbestand: Wollte ein Ehebrecher eine neue Ehe eingehen, bedurfte es eines Dispenses, also der Aufhebung des Verbots, erneut zu heiraten. Einen solchen Dispens brauchte auch eine Frau, die binnen zehn Monaten nach der Auflösung der Ehe erneut heiraten wollte (nicht selten, um eine nichteheliche Geburt zu vermeiden).

Die 100 Akten stehen inzwischen interessierten Nutzern zur Einsichtnahme im Archiv zur Verfügung.