Zeitgeschichte: Am 16. Oktober 1911 tauchte eine Zeppelin über Alpen auf

Dorfgeschichte(n): Faszinierend: ein Luftschiff am Himmel

Hans-Josef Dahlen erinnert im Kreisjahrbuch an einen denkwürdigen Tag vor mehr als 100 Jahren. Am 16. Oktober 1911 passierte der Zeppelin LZ 10 Alpen auf der Testfahrt nach Kleve. Der damalige Molkerei-Chef war begeistert.

Wenn heute mächtige Passagiermaschinen im Landeanflug auf den nahen Flughafen in Weeze über Alpen kreuzen, ist das nur wenigen einen Blick zum Himmel wert. Das war vor gut 100 Jahren noch ganz anders, als ein phantastisches Flugobjekt, ein Mythos geradezu, die Menschen in dem beschaulichen niederrheinischen Dörfchen in seinen Bann gezogen hat. „Ein Zeppelin über Alpen“ – Diese Schlagzeile hat Hans-Josef Dahlen über seinen mit historischen Aufnahmen bebilderten Aufsatz geschrieben, den er im jüngsten Jahrbuch des Kreises Wesel veröffentlicht hat.

Aufmerksam geworden ist der Ahnen- und Heimatforscher aus Issum auf das denkwürdige Ereignis durch den Nachlass seines Großvaters August Dahlen. Der war nicht nur ein am Zeitgeschehen interessierter Mann, sondern auch ein genauer Beobachter der Dinge, die um ihn herum geschahen, und zudem ein recht guter Erzähler. Er gab das zeitgeschichtliche Geschehen nicht nur mit nüchternen Fakten wieder, sondern hat auch die emotionalen Bezüge der Ereignisse anschaulich beschrieben und für die Nachwelt festgehalten. Eine spannende Quelle für die Gegenwart.

August Dahlen war damals Leiter der Molkerei in Alpen. Foto: Dahlen

Für den Flug des Zeppelins reichten dem damaligen Leiter der Molkereigenossenschaft in Alpen drei kurze Sätze, die sein Enkel Hans-Josef Dahlen in dem Brief entdeckt hat, den sein Opa am 25. Oktober 1911 an dessen Schwager Fritz van Schwayck verfasst hat – handschriftlich in Sütterlin. „Vor acht Tagen“, heißt es da, „kam Zeppelin oder vielmehr das lenkbare Luftschiff Schwaben genau über unserer Molkerei in etwa 200 Meter Höhe, so dass wir uns den Koloss gut besehen konnten“. Das Luftschiff sei auf der Reise von „Düsseldorf nach Cleve“ unterwegs gewesen, berichtet der Molkereichef. Er war ganz offenbar tief beeindruckt von dem Technik-Schauspiel: „Es ist wirklich interessant, wie ruhig und majestätisch das Ungetüm dahin zieht.“ Nur die Propeller würden ein „ziemlich starkes Geräusch“ machen.

Für die Enkel-Generation ist schwer vorstellbar, wie faszinierend dieser Überflug des Luftschiffes für die Menschen damals gewesen sein muss. Deshalb hat der pensionierte Jurist Hans-Josef Dahlen (75), in den 90er Jahren Stadtdirektor in Bocholt (Westmünsterland), die technischen Daten recherchiert. Die „Schwaben“ sei als Produkt der Zeppelin-Flotte auf der Werft in Friedrichshafen am Bodensee gebaut worden. Am 2. Juli 1900 stieg der Prototyp LZ 1 zur Jungernfahrt auf. Alle danach ausgelieferten Luftschiffe erhielten fortlaufende Produktionsnummern. Die 140 Meter lange „Schwaben“ (LZ 10) stieg am 26. Juni 1911 zum ersten mal auf. Mit 18.000 Kubikmeter war sie um einiges größer als die ersten Zeppeline.

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Das Luftschiff über Alpen ist nach Schilderung von Opa Dahlen am 16. Oktober 1911, an einem Montag, von Düsseldorf auf dem Weg nach Kleve gewesen. Möglicherweise habe es sich um eine der fünf registrierten Testfahrten gehandelt. Der „Gemeinnützige Verein für die Stadt Cleve“ habe bereits am 18. September die Zusage erhalten, dass das „Luftschiff Schwaben am nächsten Sonntagvormittag gegen 11 Uhr“ über der Schwanenburg auftauche. Allerdings musste die Fahrt, von Flug spricht wohl nur der unkundige Laie, „wegen Gasmangels“ um vier Wochen verschoben werden, so der Autor.

Es gibt Prioritäten: Eine Postkarte karikierte die Faszination des Fluggiganten vor allem für Männer. Der Bräutigam lässt seine Braut vorm Standesamt warten. Foto: Dahlen

Während die Testfahrt über Alpen hinweg in der Presse offenbar keinen großen Widerhall gefunden hat, sorgte die Schwaben drei Tage später mit der Fahrt von Düsseldorf über Hamburg weiter nach Berlin für ein beachtliches Presseecho.

Eine Postkarte, die die Schwiegermutter des Urenkels für den Aufsatz im Kreisjahrbuch beigesteuert hat, karikiert die Begeisterung für den fliegenden Koloss. Ein Bräutigam lässt am Standesamt seine Braut auf der Treppe stehen, um dem Zeppelin am Himmel mit seinem Zylinder zuzuwinken. Technik, die begeistert. Da gibt’s kein Halten mehr.

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