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Xanten/Rheinberg: Hilfswelle rollt ins Katastrophengebiet

Sammelaktionen in Xanten, Sonsbeck, Alpen und Rheinberg : Hilfswelle rollt ins Katastrophengebiet

Auch am Niederrhein werden Kleidung, Hygieneartikel und Essen für die Betroffenen der Hochwasser-Katastrophe gesammelt. Die Resonanz ist riesig. Aber der Transport und die Verteilung stellen die Helfer vor Herausforderungen. Beispiele aus Sonsbeck, Birten, Rheinberg und Alpen.

Sonsbeck Als Tim Tischner und Philip Zimmermann am frühen Montagmorgen drei große Europaletten vor das Gebäude der Sonsbecker Werbeagentur Rossimedia stellten, fragten sich die jungen Mitarbeiter noch, ob diese bei der Spendenaktion für die Flutopfer auch gefüllt werden würden. Knapp eine halbe Stunde später waren die Plattformen bereits rappelvoll. Und der größte Ansturm spendenbereiter Sonsbecker sollte noch kommen. Innerhalb von vier Stunden kamen Hilfsgüter zusammen, die zwei 40-Tonner abfüllen. Um 11 Uhr mussten die ehrenamtlichen Sammler einen Annahmestopp aussprechen. „Diese Dimension hatte niemand erwartet“, sagt Zimmermann, der sich mit als erster freiwillig für die Annahme der Waren gemeldet hatte. „Die Hilfsbereitschaft der Leute ist überwältigend“, ergänzt Ideengeber Tischner.

Deshalb haben die Mitarbeiter lange mit sich gerungen, den Stopp auszusprechen. „Das tut mir leid für die Spender, die sich die Mühe gemacht haben, zu sortieren und zu packen“, erklärt Tischner. Doch nicht zuletzt weil auch das Deutsche Rote Kreuz am Wochenende darauf hinwies, vorerst keine Sachspenden mehr annehmen zu können, mussten die Sonsbecker Sammler irgendwann einen Schnitt machen.

 Es kamen so viele Spender zum Borther Feuerwehrgerätehaus, dass der Verkehr zwischenzeitlich zum Erliegen kam.
Es kamen so viele Spender zum Borther Feuerwehrgerätehaus, dass der Verkehr zwischenzeitlich zum Erliegen kam. Foto: Armin Fischer (arfi)
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Zusammengekommen sind rund 50 Paletten voll Hilfsgüter. „Darunter sind nicht nur gebrauchte Waren wie Kleidung und Spielzeug, die gebraucht werden“, sagt Tischner. „Die Spender haben gefühlt auch die Drogeriemärkte halb leer gekauft.“ Tischner selbst ging mit seiner Frau ebenfalls auf Shoppingtour im Drogeriemarkt. „Wir begegneten dort mehreren Leuten, die mit 40 Zahnbürsten im Korb durch den Laden gingen oder bei einem Blick in den Einkaufswagen gleich anmerkten: ‚Ach, Sie machen auch bei der Sammelaktion mit’“, erzählt Tischner.

 Bestatter Bastian König (Mitte), Initiator der Sammelaktion, nahm die Spenden mit der Unterstützung vieler Helfer entgegen
Bestatter Bastian König (Mitte), Initiator der Sammelaktion, nahm die Spenden mit der Unterstützung vieler Helfer entgegen Foto: Armin Fischer (arfi)

Vernichtet werde von den gespendeten Waren nichts, betonen die Helfer. Zwar könnten die Hilfsgüter nicht wie ursprünglich geplant schon am Dienstag ausgefahren werden. Die Rossimedia-Mitarbeiter stünden aber mit dem DRK in Aachen in Kontakt, um sie sukzessive und auf Abruf zu liefern. „Auch der DRK muss die Massen an Hilfsgütern erst einmal koordinieren“, sagt Tischner. „Aber das sind alles nichtverderbliche Waren, die auch nächste Woche noch hilfreich sind.“ In der Zwischenzeit werden die Produkte vor Ort gelagert. Bis in den späten Nachmittag hinein waren die freiwilligen Helfer daher damit beschäftigt, alles vorzusortieren, auf Paletten zu laden und mit wetterfester Folie einzuwickeln. „Wenn beispielsweise gerade Kinderkleidung gebraucht wird, können wir gezielt das entsprechende Großpaket losschicken“, so Zimmermann.

 Auch in Birten gab es eine unglaubliche Spendenbereitschaft: Zwei Lastwagen, zwei Container und ein Anhänger kamen zusammen.
Auch in Birten gab es eine unglaubliche Spendenbereitschaft: Zwei Lastwagen, zwei Container und ein Anhänger kamen zusammen. Foto: Armin Fischer (arfi)

Ein Teil der Sachspenden kommt auch im Lager der benachbarten Werkzeugschleiferei Quntech unter. Geschäftsführer Heinrich Quinders eilte zudem spontan mit einem Gabelstapler herbei, um bei der Ordnung der Warentürme zu helfen. Das Unternehmen AgriV Raiffeisen stellte kurzentschlossen weitere Europaletten zur Verfügung. „Und viele Menschen, die eigentlich nur ihre Spenden hier abgeben wollten, blieben, um bei der Annahme zu helfen“, erzählt Zimmermann. War die Aktion ursprünglich mit einer Hand voll Freiwilliger geplant, halfen zum Schluss gut 50 Ehrenamtliche mit. „Es ist schlichtweg toll, wie engagiert alle sind und wie stark der Zusammenhalt ist“, lobt Tischner.

 Um die Berge von Hilfsgütern zu ordnen und zu verladen, packten viele Spender in Sonsbeck spontan mit an.
Um die Berge von Hilfsgütern zu ordnen und zu verladen, packten viele Spender in Sonsbeck spontan mit an. Foto: Armin Fischer (arfi)

Auf Unterstützung hoffen die Rossimedia-Mitarbeiter nun auch beim Transport. Weil die Mengen an Waren kaum mit den Firmentransportern zu händeln sind, werden Lkw und entsprechende Fahrer gebraucht. Interessenten melden sich unter Tel. 02838 989880. beaw

Birten Um 15 Uhr sollte es losgehen, die ersten Spender sind aber schon eine Stunde vorher da – so groß ist die Hilfsbereitschaft: An diesem Sonntagnachmittag sammelt der SV Viktoria Birten Sachspenden für die Opfer der Hochwasser-Katastrophe. Die Initiative ist von Rudi Just ausgegangen, einem Spieler der Altherren-Mannschaft. Er hatte von seinen Nachbarn Antonella und Joachim Elschner erfahren, wie groß das Leid der Menschen in den Hochwasser-Gebieten ist – die Eheleute haben Verwandte in Bad Neuenahr-Ahrweiler in Rheinland-Pfalz. „Meine Nichte ist morgens um drei Uhr von ihrem Ehemann, der bei der Feuerwehr arbeitet, aus dem Schlaf gerissen worden und sie hat sich gerade noch in Sicherheit bringen können“, berichtete Antonella Elschner am Sonntagnachmittag vorm Vereinsheim von Viktoria Birten. Der Frisörsalon der Nichte und die gesamte Straße seien von den Fluten mitgerissen worden. Mehrere Menschen aus ihrem Bekanntenkreis hätten die Flutkatastrophe nicht überlebt, sagte sie. Die Tränen konnte sie dabei kaum unterdrücken.

Just hat deshalb die Spendensammlung auf den Weg gebracht, Dutzende Menschen aus Birten helfen ihm, noch viel mehr Menschen kommen zum Vereinsgelände und bringen Kleidung, Lebensmittel, Werkzeug sowie Spielsachen. Am Abend sind zwei Container, zwei Lastwagen (ein 40-Tonner sowie ein 7,5-Tonner) und ein Pferdeanhänger voll beladen. Ein großes Team aus Helfern vom Sportverein, dem Tambourcorps und weiteren Freiwilligen hat die Sachen angenommen, grob durchgesehen und verstaut. Am Samstag soll der Transport ins Katastrophengebiet gehen. Just und Helfer klären gerade mit Bundeswehr, Hilfsorganisationen und Feuerwehr vor Ort, wohin die Sachen gebracht werden, damit sie direkt bei den Menschen ankommen, die sie brauchen. Mehrere Unternehmen unterstützen die Viktoria Birten, unter anderem die Firma Schweers aus Xanten, die selbst auch in die Region fahren will.

Außerdem haben die Birtener Geld gesammelt. Am Samstag war der Schuppi-Express im Dorf unterwegs gewesen, ein Oldtimer-Trecker, mit dem Sheevon Schubert und Simon Kerkhoff Eis und Süßigkeiten verteilen. Eigentlich wollten sie damit Geld sammeln, um die Jubiläumsfeier für das Tambourcorps zu finanzieren – es ist 100 Jahre alt geworden. Aber die Birtener wandelten den Verwendungszweck kurzerhand um: Nun wird das Geld zugunsten der Menschen in Bad Neuenahr-Ahrweiler eingesetzt. Rund 3560 Euro sind schon zusammengekommen, und die Viktoria Birten sammelt noch weiter. hvh

Der SV Viktoria Birten sammelt weiter Spenden, das ist unter folgender E-Mail-Adresse möglich: fanshop@viktoria-birten.de.

Rheinberg Der Spendenaufruf von Bestatter Bastian König blieb nicht ungehört: Am Gerätehaus der Feuerwehr für Borth und Wallach haben am Montagnachmittag unzählige Menschen Spenden für Betroffene aus den Hochwasser-Gebieten abgegeben. Kleidung, haltbare Nahrungsmittel, Reinigungsmittel oder Decken kamen in rauen Mengen an. Manches neu, anderes in gutem, gebrauchten Zustand. Auch Geld wurde gesammelt, um den Menschen zu helfen. Nicht alles konnte abgegeben werden, zum Beispiel Kinderspielzeug oder Geschirr. Denn: Noch ist die Lage unübersichtlich und die Helfer wissen nicht, was die Menschen vor Ort wirklich gebrauchen können. Auch Elke Harnack gehörte zu den Spendern. Sie sagte: „Es kann jedem passieren“ – das haben sie motiviert zu helfen. Walter Hoffmann hätte nie gedacht, „dass so etwas passiert“. Erika Hoffmann aus Rheinberg spendete, „um die Not der Leute zu lindern“. Janette Schüler aus Rheinberg machte mit, „weil wir wissen, wie das ist, wenn man alles verliert“. Wolfgang Bangert hat Freunde, die in der Eifel leben und hatte Kleidung gesammelt.

Initiiert worden war die Sammelaktion vom Borther Bestatter Bastian König gemeinsam mit seinen Mitarbeitern und seinem Lebensgefährten (wir berichteten). Dass so viele kommen, hätte Frank Schäfer, der Partner von Bastian König, nie gedacht. Selbst aus Neuss oder Düsseldorf hätten sich Menschen gemeldet. Wie viel bei der Sammelaktion in Borth zusammengekommen ist, ist noch nicht abzuschätzen. Um den Überblick zu behalten, wurde alles gleich vorsortiert. Mit dem Malteser-Hilfsdienst, mit dem König in Kontakt steht, wird nun abgesprochen, wohin die Spenden gehen und ab wann sie geliefert werden können. Bis die Spenden dorthin gefahren werden, können sie in einer Halle der Messe Niederrhein zwischengelagert werden.

Am Mittwoch, 21. Juli, kann erneut von 16 bis 19 Uhr an der Wallacher Straße gespendet werden. Was mit den Spenden geschieht, die eventuell nicht gebraucht werden, ist unklar. Da es weitere Überschwemmungen in Sachsen und Bayern gebe, dürften sie schon ihre Nutzer finden. Ansonsten seien auch Geldspenden willkommen, sagte Bastian König. jbra

Alpen Die Evangelische Kirchengemeinde Alpen sammelt Sachspenden im Gemeindehaus an der Vorburg 3 und im Amaliencafé. Wie vor fast 20 Jahren für Röderau in Sachsen soll auch jetzt eine von der Flut betroffene Gemeinde unterstützt werden. Daher wird um Hygieneartikel, haltbare Lebensmittel, Kinderspielzeug sowie Kinderkleidung gebeten. Die Sachspenden können unter dem Vordach des Gemeindehauses oder zu den Öffnungszeiten des Amaliencafés (dienstags, freitags, sonntags jeweils nachmittags) gut verpackt abgegeben werden Um eine angemessene und zielgerichtete Hilfe vor Ort zu gewährleisten, wird um finanzielle Hilfe auf das gemeinsam von der Evangelischen Landeskirche und der Diakonie eingerichtete Sonderkonto gebeten: entweder über die IBAN DE 79 3506 0190 1014 1550 20, Stichwort Hochwasserhilfe, oder als Online-Spende unter https://www.kd-onlienspende.de/projekt/spendenaufruf-unwetter-katatstrophe /display/link.html. RP