Alpen: Wo das Schicksal viel Kredit hat

Alpen: Wo das Schicksal viel Kredit hat

"Irisches Tagebuch" - Böll-Lesung in der Evangelischen Kirche Alpen

Der Musik- und Literaturkreis hatte zur Lesung geladen. Im Mittelpunkt stand Heinrich Böll, der im September 100 Jahre alt geworden wäre. Seit 1957 fasziniert Bölls "Irisches Tagebuch". Stephan Schäfer hatte verschiedene Passage ausgewählt. Giedrë iaulytë spielte dazu auf ihrer keltischen Harfe, ein Instrument mit weichem Klang, der perfekt zu der so rauen Insel passt. Literatur und Musik sorgten für ein bezauberndes Konzertformat.

Bekannte Weisen wie "Danny Boy" stimmten auf die gut besuchte Veranstaltung in der evangelischen Kirche ein. "Als ich an Bord des Dampfers ging, sah ich, hörte und roch ich, dass ich eine Grenze überschritten hatte", lautet einer der ersten Sätze aus Bölls Reisebeschreibung, die direkt nach dem Erscheinen millionenfach verkauft wurde.

Auch heute noch gehört seine Hommage an die grüne Insel zu den bedeutendsten Veröffentlichungen, die ohne Zweifel das Bild Irlands bestimmen. Doch nicht Irland, sondern Achill Island, an der Westküste gelegen, war Bölls Aufenthaltsort, wo er ein kleines Landhaus für die Familie kaufte. Heute dient es Stipendiaten der Heinrich-Böll-Stiftung, um dort zu arbeiten.

Böll beschreibt die Landschaft und das Leben der Menschen, so dass unmittelbar Bilder im Kopf entstehen. Wie ein Maler farbenfroh Szenen und Landstriche auf die Leinwand bannt, schafft es Böll mit Worten. Stephan Schäfer macht aus seiner Liebe zu Reisebeschreibungen keinen Hehl, nimmt das Publikum mit in die Welt des jungen Böll, der wortreich irische Verhältnisse und Eigenarten beschreibt.

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Böll liefert Rückgriffe auf die irische Geschichte mit Hungersnöten und Auswanderungswellen, bestätigt humorvoll manches Vorurteil. Iren lieben Tee, trinken pro Jahr zehn Pfund. Sie sind Weltrekordhalter im Kino-Besuchen. Die Selbstmordrate ist gering. Fakten, die Böll beunruhigend normal fand. Auch dem Wetter widmet er sich. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur "fallendes Wasser".

Die von Schäfer ausgewählte Episode eines Reisenden, der sich bei der Suche nach einem Hotel zu Familie Böll verirrt, sorgt für Schmunzeln. Nach wenigen Metern, die er nach dem Verlassen des Busses zurückgelegt hat, ist er völlig durchnässt. Aber es hätte schlimmer kommen können, so die irische Sichtweise, wie Schäfer mit Hinweis auf Redensarten. Dem Schlechten gewinnen Iren die gute Seite ab. Und wenn es regnet, ist Zeit für den Pub. "Denn das Schlimmste ist nicht passiert", konstatierte Böll und: "Das Schicksal hat unbegrenzten Kredit."

Die Lesung "Irisches Tagebuch" mit musikalischen Grüßen von der grünen Insel ermöglichte eine völlig andere Sichtweise auf den Schriftsteller Böll.

(RP)