Was der Brexit für Amazon in Rheinberg bedeuten kann

Rheinberg: Für Amazon ist Brexit ein ernstes Thema

Tritt Großbritannien ohne Abkommen aus der EU aus, wären die Folgen auch am Niederrhein zu spüren, wie das Beispiel des Internetgroßhändlers in Rheinberg zeigt. Händler, Kunden und Mitarbeiter profitieren vom Binnenmarkt.

Markus Neumayer kann sich noch an die Kontrollen erinnern, die es früher an den Grenzen innerhalb Europas gab. „Ich habe das noch erlebt“, sagt der 42-jährige Leiter des Amazon-Standorts in Rheinberg. Das war Anfang der 90er Jahre, die Europäische Union (EU) gab es noch nicht, und an den Grenzübergängen bildeten sich regelmäßig lange Staus, weil die Menschen ihre Pässe vorzeigen mussten und der Zoll die transportierten Waren genau überprüfte. Daran muss Neumayer denken, wenn er über den bevorstehenden Brexit spricht.

Am 29. März wollen die Briten die EU verlassen. Eine Regelung für die Zeit danach fehlt weiter. Beide Seiten haben sich noch nicht auf ein Austrittsabkommen einigen können. Wenn sich daran nichts mehr ändert, gehört Großbritannien ab dem 30. März nicht mehr zum europäischen Binnenmarkt und fällt handelsrechtlich gegenüber der EU auf den Status eines Drittstaates zurück – das wäre der harte Brexit. „Zoll- und Passkontrollen würden kurzfristig wieder eingeführt – mit den dann zu erwartenden kilometerlangen Lkw-Schlangen an der britischen Grenze“, befürchtet die Industrie- und Handelskammer (IHK) Krefeld. Die Folgen wären bis an den Niederrhein zu spüren. Das zeigt das Beispiel Amazon.

Das Unternehmen hat in Europa 40 Standorte, einer davon ist in Rheinberg. In dem Gebäude lagern Hunderttausende verschiedene Waren, trotzdem sind es nicht alle Produkte, die es über Amazon zu kaufen gibt – das Unternehmen hat sein Sortiment über alle Standorte verteilt. Deshalb bekommt ein Kunde, der am Niederrhein wohnt, seine Ware nicht zwangsläufig aus Rheinberg. Umgekehrt beliefert der Standort nicht nur Menschen in der Region, sondern auch in Großbritannien und anderen Ländern.

Dennoch soll die Ware so schnell wie möglich beim Empfänger ankommen. „Das ist unser Kundenversprechen“, sagt Neumayer. Zusätzliche Warenkontrollen an einer Grenze erschwerten das Einhalten dieses Versprechens, denn sie kosteten Zeit. „Und es ist Zeit, die wir dem Kunden wegnehmen, weil er seine Ware früher bestellen muss, damit sie rechtzeitig ankommt.“ Wahrscheinlich würden die Menschen deswegen nicht weniger bestellen. „Aber es wird für sie unbequemer.“ Wie sich das vermeiden lasse, „darüber machen wir uns natürlich schon Gedanken“. Schließlich rückt der 29. März näher.

Diese Gedanken macht sich nicht nur Amazon: Gut drei Viertel der Unternehmen in NRW könnten vom Brexit betroffen sein, wie eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für das NRW-Wirtschaftsministerium ergab. Mit 88 Prozent hat die Mehrheit bereits Maßnahmen zur Vorbereitung getroffen. Die Industrie- und Handelskammern bieten dafür Checklisten an. Darin sind mögliche Folgen des Brexits aufgelistet – als Hilfe, woran die Unternehmer denken müssen.

Viele Fragen sind aber noch offen. In einem Online-Forum für sogenannte Seller, also kleine und mittlere Firmen, die ihre Waren über Amazon vertreiben, diskutieren diese Händler, ob die Versandkosten durch den Brexit steigen werden, ob sie eine höhere Mehrwertsteuer in England zahlen oder ob sie künftig Einfuhrbestimmungen beachten müssen. Einige Antworten gibt es wohl erst am 29. März, weil bis dahin noch verhandelt wird.

Der Brexit hat aber nicht nur Konsequenzen für Kunden und Händler, sondern wohl auch für die Belegschaft. In Rheinberg beschäftigte Amazon in den Wochen vor Weihnachten bis zu 2400 Menschen, sonst sind es 1900 Menschen aus 60 verschiedenen Nationen. Diese Vielfalt sei ein Vorteil, glaubt Neumayer: „Durch die unterschiedlichen Denkweisen finden wir zur besten Lösung.“

Zur Belegschaft gehört unter anderem Kristel Hindrikson aus Estland. Als EU-Bürgerin gilt für sie die sogenannte Arbeitnehmerfreizügigkeit. Sie kann ihren Arbeitsplatz innerhalb der Europäischen Union frei wählen, ohne dass sie eine Arbeitserlaubnis beantragen muss. Dasselbe gilt für Grant Stokes – noch: Er ist Brite, im Herbst suchte er am Niederrhein einen Job, weil seine Freundin hier lebt. Damals fing er als Saisonkraft für einige Monate bei Amazon an. Sollte er für das nächste Weihnachtsgeschäft wiederkommen wollen, könnte es für ihn komplizierter werden – je nachdem, ob sich Großbritannien und die EU noch einigen.

Mehr von RP ONLINE