Veener Dorfgespräche 2019: Eine Liebeserklärung ans Dorfleben

Veener Dorfgespräche 2019 : Eine Liebeserklärung ans Dorfleben

Die zweite Runde der Veener Dorfgespräche war spannend und lehrreich. Sascha van Beek moderierte eine muntere Talkrunde mit Gästen, die viel über Engagement, Identität und Zusammenhalt zu erzählen hatten – und über Zugezogene. 250 Besucher hörten gern zu.

Birgit Ingenlath und Rolf Lohmann sind an unterschiedlichen Orten aufgewachsen, dennoch haben sie in ihrer Kindheit die gleichen Erfahrungen gemacht – weil beide Dorfkinder sind. „Man hat sich getroffen, ohne sich zu verabreden“, berichtete Lohmann, der heute Weihbischof am Niederrhein ist. Die Menschen im Ort hätten sich gekannt, sie hätten einander geholfen, selbst wenn es spät geworden sei, zum Beispiel beim Einbringen der Ernte, erzählte Ingenlath, mittlerweile Inhaberin des Campingparks Kerstgenshof in Labbeck. Noch heute hätten sie Kontakt zu den Menschen, mit denen sie als Kinder gespielt hätten, sagten beide und schwärmten von der Gemeinschaft im Dorf.

Es waren Erinnerungen, die viele Menschen auf dem Spargelhof Schippers am Donnerstagabend geteilt haben dürften. Dort fanden nach 2018 zum zweiten Mal die Veener Dorfgespräche statt. An die 250 Menschen vom gesamten Niederrhein waren gekommen, um miteinander über die Zukunft des Dorflebens zu diskutieren. Mehrere Referenten gaben dafür Denkanstöße, das waren außer Ingenlath und Lohmann noch Tim Hartmann, ein Blogger, Bernd Dicks, einer der Erfinder und Geschäftsführer des Parookaville-Festivals in Weeze, und Mario Hecker, Bürgermeister der Gemeinde Kalletal. Moderiert von Sascha van Beek diskutierten sie darüber, „was Dorf alles kann“.

Zunächst gaben Hartmann und Hecker einige Anregungen dafür. Der eine, Hecker, ist parteiloser Bürgermeister der 13.000-Einwohner-Kommune Kalletal im Nordosten von NRW. Der andere, Hartmann, hatte die Möglichkeit, in Hamburg zu arbeiten, ging aber nach drei Tagen in sein 300-Einwohner-Dorf Mittelrode in Niedersachsen zurück und schreibt seitdem über „DorfstattStadt“. In einem gemeinsamen Vortrag stellten sie Dorf-Projekte aus Kalletal vor und sprachen darüber, worauf es auf dem Land ankommt, zum Beispiel auf Ehrenamt, Wertschätzung und Identität. „Das fängt mit einem doofen Ortsschild an“, sagte Hartmann. „Wenn man die abmontiert, geht auch ein Stück Identität verloren.“ Denn die Menschen wollten nicht im x-ten Ortsteil von Kalletal leben, sondern in ihrem Dorf, und ihr Dorf solle seinen Namen behalten, erklärte Hecker. Wieder dürften viele Menschen im Publikum genickt haben.

Überhaupt wurde deutlich, dass hier Menschen auf dem Podium und im Publikum saßen, die nicht nur ähnliche Erfahrungen in ihrem Leben gemacht haben, obwohl sie an unterschiedlichen Orten aufgewachsen sind, sondern auch vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Ein Beispiel: Wie soll man mit Zugezogenen umgehen, die ihre Ruhe haben wollen? „Das Schlimmste ist, sie zu etwas zu zwingen“, meinte Hecker. „Die kommen schon, wenn sie möchten.“ Eine funktionierende Nachbarschaft sei wichtig, ergänzte Ingenlath. Wenn die Zugezogenen merkten, dass die Familien links, rechts, vor und hinter ihrem Haus „gar nicht so schlimm“ seien, sinke auch die Hemmschwelle, einmal zu einem Dorffest mitzukommen.

Apropos Dorffest, ein anderes Beispiel für eine Herausforderung auf dem Land: Je größer eine solche Veranstaltung werde, umso aufwendiger sei es, sie zu organisieren, sagte Lohmann: „Die Leute verlieren manchmal den Mut, umso mehr Auflagen sie bekommen, und wir wissen, wie wichtig solche Feste sind.“ Es sei wichtig, dass auf die Sicherheit geachtet werde. „Aber wenn wir den Menschen die Lust nehmen, etwas zu organisieren, dann wird es problematisch.“ Man dürfe sich nicht abschrecken lassen, meinte Dicks. „Mut ist wichtig.“ Aber Mut allein reiche nicht, sagte auch er. „Die Unterstützung der Behörden ist wichtig.“

Die Runde redete auch offen darüber, dass ein Dorf vieles nicht bieten könne, was es in der Stadt gebe. Das habe sie auch ihren Kindern gesagt, erzählte Ingenlath – und ergänzt, was ihnen auf dem Dorf geboten werde: Dass sie, die Eltern und die Kinder, alles zusammen machten und erlebten. Und damit war sie wieder beim größten Pfund eines Dorfes: der Gemeinschaft.

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