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Trauung im Krieg: Ein Alpener erzählt von der Trauung seiner Eltern 1943

Chroniken einer Familie : Eine Heirat mit riesiger Entfernung

Corona hat vielen Brautpaaren einen Strich durch die Hochzeitsfeier mit Familie und Freunden gezogen. Karl Hofmann aus Alpen erzählt von seinen Eltern und einer Zeit, als heiraten noch viel schwieriger war.

Carina und Achim Zelißen haben im vorigen Jahr auf dem Standesamt in Alpen geheiratet. Kostenpflichtiger Inhalt Ihre kirchliche Trauung, die eigentlich am 2. Mai mit 150 Gästen in der Kirche St. Martin in Vynen stattfinden sollten, mussten sie wegen der Corona-Pandemie absagen – die Redaktion berichtete. Doch es hat in der Familie auch schon in der Vergangenheit mal ein Brautpaar gegeben, das unter erschwerten Umständen in den Hafen der Ehe eingefahren ist. Daran erinnert Karl „Carlo“ Hofmann aus Alpen, Vater von Carina Zelißen. RP-Redakteur Bernfried Paus hat seine Erzählung protokolliert.

Es ist nicht meine Geschichte, die ich erzähle. Es ist die Hochzeits-Geschichte meiner Eltern, aus den mir erhalten gebliebenen Unterlagen und den Erzählungen. Meine Mutter Margarete Hofmann (geb. Koch) und mein Vater, Karl Hofmann (namensgleich mit mir – daher mein Rufname Carlo) heirateten im Jahr 1943. Nach heutigen Maßstäben äußerst ungewöhnlich: Zunächst gab mein Vater Karl Hofmann standesamtlich sein Ja-Wort, gegen Ende April 1943, vor seinem Kompaniechef, an der russischen Ostfront in der Nähe von Rschew – der genaue Ort und das genaue Datum ist nicht überliefert, beziehungsweise ist nicht im Soldbuch eingetragen. Und später dann folgte das Ja-Wort von Margarete Hofmann, Rot-Kreuzschwester, am 7. Mai 1943 vor einem Standesbeamten an ihrem Wohnort in Neuss am Rhein.

Am 11. Juli 1943 heiratenten Karl und Margarete Hofmann im Quirinus-Münster zu Neuss. Standesamtlich geheiratet hatten sie weit von einander entfernt. Foto: Hofmann

Der Sanitätsobergefreite Karl Hofmann erhielt am 29. Juni 1943 Sonderurlaub. Meine Mutter vermerkte am 4. Juni 1943 in ihrem kleinen Tagebuch: „Karl kam heute unverhofft auf Urlaub.“ Die kirchliche Hochzeit war bis dahin zwar besprochen, jedoch noch nicht konkret terminiert. Das Brautkleid wurde „kurzerhand“ von meiner Mutter – sie war von Beruf Näherin – selbst angefertigt. Mutter und Vater Koch sowie ihre Schwester Ilse haben meiner Mutter bei der Organisation der kirchlichen Hochzeit nach Kräften geholfen. Und schon am Sonntag, 11. Juli 1943, spendeten sich Karl und Margarete Hofmann im Quirinus-Münster zu Neuss das Sakrament der Ehe.

Brief aus Russland: Die Eheleute Hofmann waren durch den Krieg noch zwei Jahre nach der Trauung getrennt. Kontakt war nur per Feldpost möglich. Ein Wiedersehen gab’s erst im Herbst 1945. Foto: CH

Bereits am nächsten Tag traten sie ihre Hochzeitsreise an. Über Boppard ging’s zu Verwandten in den Schwarzwald. Bei Vaters Bruder Hans und seiner Frau Frieda in Lörrach hatten sie wohl eine wunderschöne Zeit.

Am 23. Juli 1943 notierte Mutter in ihrem Tagebuch: „Abschied von meinem lieben Mann nach Russland.“ Noch am gleichen Tag erfuhr mein Vater auf dem Truppenverschiebebahnhof in Hamm/Westfalen, dass es seinen bisherigen Truppenverband nicht mehr geben würde. Er wurde an Ort und Stelle einer neuen Einheit zugeteilt. Dabei lernte er seinen neuen stellvertretenden Kompaniechef, Wilhelm Schwarze aus Alpen, kennen. Der Mediziner hatte seine Praxis in Alpen in der Villa Krasse, wo er nach dem Krieg weiter praktizierte. Anfang August 1943 waren sie wieder an der Ostfront.

Mein Vater war bis zum Ausbruch des Krieges beruflich als Milchkontrollassistent tätig – in der Molkerei im damaligen Menzelen-Ost, dem heutigen Ortsteil von Alpen. Im März, April 1945 wurde seine Division und damit auch die Sanitätskompanie in der Nähe von Prag durch russische und amerikanische Verbände eingekesselt. Mein Vater flüchtete mit Hilfe von Kompaniechef Schwarze, der ihn zur Flucht aufforderte, damit er ihn beim folgenden Zählappell zur bald stattfindenden Truppenübergabe nicht melden müsse.

Meine Mutter und mein Vater überlebten beide den Krieg, sahen sich aber erst am 1. September 1945 wieder. Flucht und Wiedersehen sind ebenfalls eine abenteuerliche Geschichte. Doch die gilt es zu einem späteren Zeitpunkt mal zu berichten.“

(bp)