Rheinberg: Schuhmacher Seidl hat seinen Laden abgeschlossen

Rheinberg: Schuhmacher Seidl hat seinen Laden abgeschlossen

Nach 30 Jahren ist das Kapitel für den Schuh- und Schlüsseldienst an der Gelderstraße 11 zu Ende - ein Verlust.

Es gab für Thomas Seidl wahrscheinlich nur wenige Augenblicke, die ihn nahezu sprachlos gemacht haben. Ein älterer Herr mit Fahrrad hat es geschafft. Der Senior sei mit dem Rad direkt ins Geschäft "gefahren" - mit einem sehr konkreten Anliegen: "Jung, kannze mich mal den Sattel neu beziehen." Ein unvergessener Moment, über den der 54-Jährige heute noch schmunzeln muss.

Seidl hat 30 Jahre lang den Schuh- und Schlüsseldienst an der Gelderstraße 11 betrieben und dafür gesorgt, dass seine Kunden gut zu Fuß sind. Er hat nun zum letzten Mal die Ladentür abgeschlossen, und Rheinbergs Innenstadt ist um ein Angebot ärmer.

Vom Winterstiefel bis zur Sandalette, auch Handtaschen - alles landete zur Reparatur unter seinen Händen. Neue Absätze und Sohlen oder aufgeplatzte Nähte - nichts, was Seidl nicht irgendwie wieder hinbekommen hätte. Dabei hat ihn die Entwicklung der letzten Jahre schon nachdenklich gestimmt.

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"Schuhe sind zur Wegwerfware verkommen", so der gelernte Schuhmacher. Statt auf Qualität schauten die Leute nur noch auf den Preis. Oft seien die Schuhe so billig, dass selbst eine einfache Reparatur den Warenwert übersteige. Das sei schade, so Seidl. Doch es gab Ausnahmen. Kunden, die mit Schuhen zu ihm kamen, die noch in D-Mark bezahlt worden waren, Schuhe, die so abgeliebt- und abgelaufen waren, dass er von einer Reparatur abraten musste, "weil's sich einfach nicht mehr gelohnt hätte".

Der Schlüsseldienst war für ihn ein Zusatzgeschäft. "95 Prozent meines Geschäftes haben Schuhe ausgemacht", so Seidls Bilanz. Doch für alle, die ihre Schlüssel verlegt, verloren oder irgendwie "verbummelt" hatten, war er stets eine sichere Bank. Selbst bei "Exoten". Autoschlüssel von alten VW Käfer-Modellen? Seidl hatte die passenden Rohlinge. Lediglich in einem verstand er keinen Spaß: "Bei Sicherheits-, General- oder Schließanlagen mussten mir die Kunden immer die entsprechenden Papiere und Nachweise vorlegen", berichtet der Kamp-Lintforter.

Die Aufgabe seines Geschäfts sieht Seidl mit einem lachenden und einem weinenden Auge. "Ich habe in den letzten 30 Jahren eben auch viele nette Kunden kennengelernt", so Seidl. Die werden ihn vermissen.

(RP)