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Rheinberg: Orsoy gehen die Treffpunkte verloren

Traditionsgeschäfte geschlossen : Wie sich Orsoy verändert

Dem idyllischen Ort direkt am Rhein gehen die Treffpunkte verloren. Jetzt haben zwei weitere Traditionsgeschäfte dicht gemacht. Wir fragten nach, was die Menschen dort beschäftigt.

Im Mütterlein wird bei einem gepflegten Bier über die Welt-Politik oder Fußball-Bundesliga diskutiert. In dem Gasthaus an der Orsoyer Egerstraße stehen mitunter aber auch die kleinen Dinge des Alltags im Mittelpunkt der Gespräche. Themen, die direkt das Leben in dem Rheinberger Stadtteil betreffen. Der Ort direkt am Rhein, am Wochenende beliebt bei vielen Ausflüglern, verändert sich im Kern. Die Orsoyer, gerade die Alteingesessenen, machen sich schon seit einiger Zeit so ihre Gedanken. Etliche Gaststätten, einst wichtige Treffpunkte, sind bereits verschwunden. Kurz hintereinander haben jetzt die Bäckerei Schmitt und das Café Münster dichtgemacht. Eine Entwicklung, die Andreas Blumenstengel mit Bedauern verfolgt. Der Präsident der örtlichen Bürgerschützen nimmt die Verwaltung und Politik in die Pflicht.

Blumenstengel, 46 Jahre alt, gehört zu den Gästen, die gerne im Mütterlein bei Wirtin Maria Kühnen einkehren. „Das ist ja mit die letzte Kneipe, die noch da ist.“ Treffen könne man sich noch gut im Orsoyer Hof, einem Hotel mit Restaurantbetrieb, oder im Café Hagemann, der letzten verbliebenen Traditionsbäckerei. Blumenstengel findet, dass der ehemaligen Festungsstadt immer mehr an Attraktivität verloren geht, die Politik das Potenzial nicht erkenne. Gerade im Bereich Tourismus sei viel mehr möglich. „Orsoy ist das Rheinberger Einfallstor. Daraus lässt sich mehr machen“, findet er – und fordert mehr Weitsicht von den Lokalpolitikern.

 Maria Kühnen betreibt mit dem Mütterlein eine der wenigen verbliebenen Gaststätten.
Maria Kühnen betreibt mit dem Mütterlein eine der wenigen verbliebenen Gaststätten. Foto: Fischer, Armin (arfi )/Fischer, Armin ( arfi )
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Im Zuge der Deichsanierung sei es etwa sinnvoll, einen attraktiven Radweg zu schaffen. Nicht daneben, sondern auf der Krone so wie in Ossenberg. Ausbaufähig sei die Rheinpromenade. Seine Idee: ein asphaltierter Radweg von Baerl bis zur Fähre.

 Bürgerschützen-Präsident Andreas Blumenstengel nimmt die Politik in die Pflicht.
Bürgerschützen-Präsident Andreas Blumenstengel nimmt die Politik in die Pflicht. Foto: Uwe Plien

Blumenstengel wundert sich darüber, dass der politische Aufschrei ausblieb, als schon vor Jahren Traditionsgaststätten wie Liesefeld oder der Rheingarten die Türen für immer schlossen. So seien Treffpunkte verloren gegangen. Ohnehin fehle in Orsoy ein Bürgerhaus. Er bedauert daher, dass die Tage des Alten Zollhauses gezählt sind. Die Katholische Kirchengemeinde möchte sich von dem Pfarrheim trennen. Ein weiterer Versammlungsraum weniger
im Ort.

Es gibt aber dem Vernehmen nach in der Evangelischen wie Katholischen Gemeinde Überlegungen für ein neues Gebäude, das man gemeinsam nutzen könnte. „In Orsoy fehlt es jetzt schon an Platz für die Vereine. „Wir vom Schützenverein würden unseren Mitgliedern gerne mehr anbieten, können es aber nicht, weil es zu wenige Räume gibt“, weiß Blumenstengel, der am Orsoyerberg wohnt.

Probleme, von denen Maria Kühnen von der Gaststätte Mütterlein gehört hat. Auch ihr Gasthaus gleich neben der Kirche ist ein Treffpunkt. Früher gab es viel mehr davon. „Orsoy hatte mal 15 Gaststätten“, sagt die Wirtin, die mit dem Mütterlein in zwei Jahren groß das 100-jährige Bestehen feiern möchte. Und zwar am 12. Juni 2022. „Orsoy ist etwas ganz Besonderes mit dem mittelalterlichen Charme.“ Und nicht alle Veränderungen seien negativ. Kühnen erwähnt beispielsweise den Rad-Tourismus. „Da kann noch mehr getan werden.“

Die Ausflügler sind im Café Hagemann immer willkommen. Wer den Rhein von Walsum aus mit der Fähre überquert, kommt zwangsläufig an dem Familienbetrieb vorbei. Gerüchten, dass auch die Bäckerei & Konditorei am Rheintor vor dem Aus stehe, widerspricht Inhaber Karl-Michael Hagemann vehement. „Ich weiß gar nicht, wo solche Geschichten immer herkommen. Fakt ist, dass wir uns vor Arbeit kaum retten können. Alles ist im grünen Bereich.“ Er möchte gar neue Mitarbeiter einstellen. Die Brotschneide-Maschine aus der geschlossenen Schmitt-Bäckerei steht jetzt im Café Hagemann. Dass Orsoy an Attraktivität verliert mit jedem Geschäft, das zumacht, stimmt Hagemann nachdenklich. Schön sei das nicht, sagt der 56-Jährige.

Klaus Geldermann aus dem Vorstand des Vereins Leselust hat ganz andere Probleme. Die Ehrenamtler, die seit 2001 die Bücherei im alten Orsoyer Stadthaus betreiben, finden keine Nachfolger. Spätestens Mitte 2021 sei Schluss, so Geldermann, wenn sich bis dahin niemand bereiterklärt, dreimal die Woche Bücher auszugeben und die Vorstandsarbeit zu übernehmen, müssen die Orsoyer nach Rheinberg fahren, um sich ihren Lesestoff zu holen. Geldermann: „Das wäre auch für die Grundschüler sehr schade, die regelmäßig zu uns kommen.“

Es sei doch der allgemeine gesellschaftliche Trend, dass immer weniger Leute Zeit oder Lust haben, sich ehrenamtlich zu engagieren, sagt Bernhard „Bernie“ Abel. Auch der Zusammenhalt in Orsoy sei früher anders gewesen. „Heute macht eher jeder sein eigenes Ding“, meint der Hobby-Historiker. Die meisten Zugezogenen in den Neubaugebieten würden sich, wenn überhaupt, nur oberflächlich für den Bürgerschützenverein oder die Arbeit des Löschzugs Orsoy interessieren. Er findet es gut, dass die Vorstände versuchen, gegenzusteuern und ganz gezielt die Jugend ansprechen.

Der 65-Jährige, der viel darüber weiß, was einst zwischen den Festungsmauern passiert ist, gehört zu den Bürgern, die sich aktiv für den Ort einsetzen. Er ist jemand, der nicht nur im Damals lebt. Doch dass immer mehr Treffpunkte für die Älteren wie Jüngeren verschwinden, sei keine gute Entwicklung. Ein Laden wie Lotto Peters, der Mitte 2018 aufgab, fehlt als Ort der Kommunikation.

Andreas Blumenstengel schaut nach vorne. Der BSV-Präsident ist froh, dass es in Orsoy noch viele Menschen gibt, die sich gerne einsetzen für die Gesellschaft und das Leben vor Ort. So macht Blumenstengel nochmals deutlich: „Orsoy ist immer noch das Einfallstor von Rheinberg.“ Und darauf sind sie sehr stolz, die Orsoyer.