Rheinberg: MAP-Redekünstler nehmen kein Blatt vor den Mund

Rheinberg: Kein Blatt vor dem Mund

Das MAP-Festival ist am Mittwoch mit dem Poetry-Slam gestartet. Drei Dichter standen auf der Bühne im Amplonius-Gymnasium und brachten ihre Texte über Liebe, Mut, Alltag, Einsamkeit und verhasste Städte zum Besten.

„Man kann schon sagen, dass sich der Poetry-Slam in Rheinberg etabliert hat. Besonders schön ist es, dass im Publikum alle Altersklassen vertreten sind“ erklärt der MAP-Vorsitzende Philipp Rott. Die Dichterauftritte als Auftaktveranstaltung des 15. MAP-Festivals zogen am Mittwochabend 140 Besucher in die Aula des Amplonius-Gymnasiums.

Dabei handelte es sich offensichtlich fast ausnahmslos um Fachpublikum, denn auf die Frage der Auftakt-Slammerin Jule Weber, wer noch nie einen Poetry-Slam besucht hat, gingen lediglich zwei Arme hoch. Poetry kann schreiend komisch, sarkastisch schräg und vieles mehr sein. Erlaubt ist, was den Künstlern gerade so einfällt. An diesem Abend dominierten die feingeistigen Texte, ob mit nachdenkenswerten philosophischen Ansätzen oder der ironischen Sicht auf das banale Leben.

Bevor es losging, ließ Jule Weber das Publikum den gekonnten Umgang mit den offenen Handflächen üben. „Das Brot des Künstlers ist zwar die Backstage-Pizza, aber der Applaus ist wie eine zusätzliche Käsesorte darauf“, sagte die vielfach ausgezeichnete Slammerin. Ihr erster Text beschrieb in vielen Grautönen den Alltag von Holger, dessen zwei Welten aus dem Büro und dem Fernsehsessel bestehen, nur kurz unterbrochen von der Pflege der Balkonblumen. „Dabei träumt Holger von den Möglichkeiten, die er nicht hat“, erzählt Jule Weber und verblüfft das Publikum im Anschluss mit einer außergewöhnlichen Liebesgeschichte: „Ich wollte nur das Wesentliche erzählen und habe deshalb alle Verben gestrichen. Niemand braucht Verben.“ Fast war man versucht, der 25-Jährigen zuzustimmen, denn der den vermeintlich wichtigen Bestandteilen beraubte Text ließ spielend leicht und in rasanter Abfolge Bilder entstehen, die nahtlos eine Geschichte erzählten.

Längst ein Stammgast auf der Rheinberger Poetry-Bühne ist Andy Strauß. Der im ostfriesischen Leer beheimatete Poet lebt von seiner gewaltigen Stimme und der Schlagfertigkeit. Beispiel: Als irgendwo zwischen den Stuhlreihen eine Getränkeflasche umfällt, lautet seine spontane Frage: „Wer hat hier denn so große Kontaktlinsen?“

Danach arbeitet Strauß ein persönliches Trauma auf und das heißt Leipzig, eine Stadt, in der man ebenso günstig wie schlecht wohnen könne. Einmal in Rage, nimmt er sich gleich die gesamte Region vor: „Sachsen ist das einzige Bundesland, in dem der Buß- und Bettag noch ein Feiertag ist und das hat durchaus seinen Grund.“

  • Rheinberg : MAP bleibt MAP

Bestätigung erfuhr Strauß von seiner Nachfolgerin Josefine Berkholz: „Ich habe ein paar Jahre in Leipzig gelebt. Vieles von dem, was du sagst, stimmt.“

Die gebürtige Amerikanerin sorgte schon mit der Ankündigung ihres ersten Vortrags für Spannung: „Ich habe diesen Text an einem historischen Idioten entlang geschrieben, dem griechischen König Midas.“ Übertragen auf die heutige Zeit versucht ein Alt-68er darin, seinen Sohn zu dem Revoluzzer zu machen, der er selbst einmal war.

Sei mutig und nicht so, wie es von dir erwartet wird, rät Berkholz ihrer Figur und weiter: „Wenn du dir etwas wünschen könntest, dann nicht, dass in den Schlussverkauf gerät, was du liebst.“

Freitag und Samstag gibt es jeweils ab 17 Uhr Livemusik kostenlos am Pulverturm.