Rheinberg: Kabarettist Mathias Tretter ruft das Zeitalter der Amateure aus

Kabarett in Rheinberg : Tretter ruft das Zeitalter der Amateure aus

Kabarettist Mathias Tretter, gebürtiger Würzburger und Wahl-Leipziger, hat seine Sicht auf die Dinge beim Rheinberger Publikum gut verankert. Seine politische Satire mit geschärften Waffen provoziert, serviert im Zeitalter der Amateure Gemeinheiten wie Nachdenkliches.

Mit seinem neuen Programm „Pop“, kurz Politkomik ohne Predigt, entlarvt er Amazon, Google und Facebook, weil sie „lenken, wie wir denken und den Übermenschen entwickeln, der früher Arier hieß“, so Tretter. Über das Alltägliche steigt er ins Thema ein, wundert sich über seine neue Sehhilfe, die ihn überaus intellektuell erscheinen lässt. Knalle rote Lippen und ein Haarschnitt im Andy-Warhol-Stil sorgen für das gewisse Extra.

Ohne Zweifel, es sollte intellektuell und anspruchsvoll werden, als er den vorherrschenden negativen Populismus, die Gesellschaft mit zunehmender Digitalisierung und die daraus resultierenden neuen Sprachwelten sezierte und „herumtretterte“. Wenn Amateure das Sagen übernehmen, haben Spezialisten es schwer. Populismus einerseits, digitale Welt andererseits und dazwischen jede Menge Alltagsgeschichten. Messerscharf analysiert er die Umgangssprache der Rechtsaußenfraktion mit wenig Wortschatz, wenn von dem Juden, dem Syrer und dem Afghanen die Rede ist.

Noch schlimmer: die Internethetze gepaart mit einem Anschlag auf die deutsche Grammatik. „Wenn Leute die Tastatur vor sich haben, geht mit ihnen die Erika Steinbach durch. Nur wenn Rechte schreiben, führt es nicht automatisch zu Rechtschreibung“, konstatiert er. Gauland, Trump und Höcke liefern ihm den Stoff, wenn sie die „Lügenpresse“ befeuern. Die Menschen verlieren das Vertrauen. Dank Youtube und Castingshows verschwindet die Welt im Amateurhaften. Erschreckende 44 Prozent der Bevölkerung glauben, „dass alles von ganz oben gesteuert wird“, so Tretter. Die Welt wird von Verschwörungstheorien, angefangen von Monroe, Kennedy, Aids bis Uwe Barschel, getrieben. Dabei steht die Zukunft einer Gesellschaft auf dem Spiel, denn zunehmend stehen Apps zur Verfügung, um ihre Probleme zu lösen. Kleinste Gemeinsamkeit bleibe die Sprache. Klicks sind daher ein neues Längenmaß gepaart mit Enthemmtheit der bunten Handykommunikation. Sie bestimmt das Verhalten, die Befindlichkeit, die Angst.

Kleiner humorvoller Schwenk: Oft höre Tretter bei Zugfahrten Fragmente wie „Ich dich auch“. Von wegen Liebeserklärung auf die Schnelle, wie er dank Lautsprecher mithört. „Ich schick dich eine SMS.“ Antwort: „Ich dich auch.“ Tretter bedient sich eines fiktiven Dialogs mit Freund Ansgar, der die Partei „POP“ gründen will. Gemeinsam entwickeln sie beim „windowing“, dem Tratschen im Fenster, die verschiedenen Szenarien. „Glaubst du das“, fragt Tretter. Antwort: „Ich nicht. Ich erzähle es.“ Abschluss ist der Blick ins Jahr 2112. Ein Großkonzern beherrscht die Welt. 2082 hat Google Würzburg abgerissen, um neue Server aufzustellen. Der Menschheitstraum, die Unsterblichkeit, hat sich erfüllt. Keiner arbeitet mehr. Tretter: „Der Sinn des Lebens ist der Tod. Auch den haben sie uns genommen.“

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