Rheinberg: Improvisationstalent Kalle Pohl brilliert in Frauenkleidern

Travestiekomödie Charleys Tante : Improvisationstalent Kalle Pohl brilliert in Frauenkleidern

Der Kabarettist begeisterte in der Komödie „Charleys Tante“ in der Rheinberger Stadthalle vor allem dadurch, dass er sich nicht immer streng ans Drehbuch hielt.

Kalle Pohl hielt sich nicht immer ans Drehbuch. Das war gut so. Der Kabarettist, der in „Charleys Tante“ den Gärtner Brassett und die reiche Tante Donna Lucia d’Alvadorez spielte und auf der Bühne in der Stadthalle auch zur Gitarre griff, haute gerne mal den einen oder anderen Satz heraus, der garantiert nicht zum Wortschatz der Menschen in der Zeit gehörte, in der der Schwank von Brandon Thomas (1850 bis 1914) spielt. Kaum stand der Comedian mit Schürze und Gießkanne zu Beginn der Boulevard-Komödie auf der Bühne, da sorgte er schon für die ersten Lacher. Etwa als er sich zu einer Dame in der ersten Reihe herunterbeugte und sie fragte, ob das (etwa) ihre Ausgehschuhe seien – er würde sich auch immer Schnäppchen kaufen.

Aber nicht nur Kalle Pohl überzeugte in dem Schwank „Charleys Tante“, der 1892 in London uraufgeführt wurde und den Verfasser, den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Bergarbeiter Brandon Thomas, reich machte. Auch die weiteren Protagonisten machten unter der Regie von Jan Bodinus das Theaterstück zu einer sehenswerten Angelegenheit, bei der man immer wieder herzhaft lachen konnte.

Dazu trugen auch die kleinen Zwischentöne und Weisheiten bei, die sicher nicht in der Original-Vorlage stehen. Zum Beispiel der Satz des jungen Oxford-Studenten Jack Chesney (Lukas Leibe), der für ein Essen mit seiner Angebeteten den Lunchservice für Junggesellen anruft und sich mit den Worten zum Publikum dreht: „Lieferservice – so etwas hat doch keine Zukunft.“ Amazon – Luftlinie 1000 Meter entfernt – lässt grüßen.

Worum es geht in der Komödie? Um die beiden Studenten Jack und Charley, die in Amy und Kitty verliebt sind, in Oxford leben, nie Geld, dafür aber einen Gärtner haben, und ihren Mädels endlich einen Heiratsantrag machen wollen. Aber wie gesagt: Das Stück spielt in England gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als es noch kein Smartphone, keine Whatsapp und Emojis gab und man sich noch Briefe schrieb und Gefühle in Worte fasste. Wo man die weiblichen Gäste noch mit Handkuss begrüßte, es sich nicht schickte, sich als Unverheiratete ohne Anstandsdame zu treffen.

Diese Rolle übernahm in „Charleys Tante“ Kalle Pohl, der dafür in ein lilafarbenes Ensemble aus Rüschen und Volants schlüpfte, sich das rote lange Tuch kunstvoll um Schultern und Unterarme drapierte, hochhackige Pumps überstreifte und die rote Blume ins schüttere Haupthaar steckte. Und es kam, wie es kommen musste: Sir Francis, der Vater von Jack, verliebte sich in die unechte Tante. Die echte Donna Lucia, eine Millionärin, die in Brasilien lebt und ihren einzigen Neffen Charles zu ihrem Erben machen will, kam dann wider Erwarten auch zu Besuch – und das Unheil nahm seinen Lauf.

Mit „Charleys Tante“ hatte das Kulturamt der Stadt das Ende der Spielzeit 2018/2019 eingeläutet – das Publikum in der Rheinberger Stadthalle sparte nicht mit Beifall, als der Vorhang fiel.

(jas)
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