Rheinberg: Heimatshoppen vor 200 Jahren

Rheinberg : Als Bürger nur vor Ort kaufen durften

Vor 200 Jahren waren Kaufleute und Handwerker in Rheinberg so mächtig, dass sie auswärtige Konkurrenz klein hielten. Bürger durften nur in der Stadt einkaufen. Ein regides Verständnis von „Heimatshoppen“.

 Die Aktion „Heimatshoppen“ läuft wieder an. Wer einkaufen geht, soll den örtlichen, leidgeprüften Einzelhandel stärken und sein Geld dort ausgeben. Heimatforscher Werner Kehrmann hat in alten Unterlagen Hinweise darauf gefunden, dass der Rheinberger Handel auch schon vor rund 200 Jahren Probleme hatte. So stieß er auf eine Schrift von Aloys Wittrup (Rechts- und Verfassungsgeschichte), die die Zustände im Jahr 1794 beschreibt.

 Handwerksbetriebe waren damals alle mit ihren Meistern in Zünften oder Gilden organisiert. Handel treiben, ihre Waren verkaufen durften nur die einheimischen Meister der einzelnen Gilden. Gehilfen und Gesellen mussten Rheinberger sein, auswärtige Arbeitskräfte wollte man nicht. Die Meister in der Stadt als Vorsitzende ihrer Zünfte waren da hart und kompromisslos. Es gab auch feste Regeln für den Todesfall in einem eingetragenen und zur Gilde gehörendem Handwerksbetrieb. „War der Vater krank oder tot, so durfte der Sohn, ohne Meister sein zu müssen, den Betrieb weiterführen“, heißt es da. Das aber nur so lange, wie die Mutter Witwe blieb.

Die fremden Handwerker nannte man „Bühnhasen“, „Gängler“ oder „Ferkenstecher“. Ganz besonders die auswärtigen Meister, denen war es verboten, in Rheinberg zu arbeiten. Handel treiben durften die auswärtigen Meister grundsätzlich nur an den Rheinberger Markttagen. Damals wie heute dienstags und freitags. Alle Gilden und Zünfte hatten sich beim Magistrat der Stadt stark gemacht, dass Rheinberger Bürger grundsätzlich nur in Rheinberg einkaufen durften. Wer das nicht tat, bei dem wurden die auswärts gekauften Sachen konfisziert. Das hatten die Gilden und Zünfte beim Magistrat durchgesetzt.

Die Politik hat die Geschäftsleute hier voll unterstützt, aber erst nach einem gemeinsamen Protest aller Gilden. Ein Beispiel: 1794 hat ein Rheinberger Bürger es gewagt, auswärts eine Leiter und eine Schubkarre zu kaufen. Das waren Teile, die aus Holz hergestellt worden waren. Folglich betraf das die Schreinerzunft. Deren Amtsmeister (Gildeführer) beantragten beim Bürgermeister sofort die Konfiszierung von Leiter und Schubkarre. Der Bürgermeister wollte zuerst den Bürger schützen. Das war ein Fehler. Jetzt probten die Führer aller städtischen Gilden den Aufstand gegenüber dem Rat. Und siehe da, mit ihrem gemeinsamen Protest gegen Bürgermeister und Rat hatten die Gildeführer Erfolg. Eingekauft werden durfte nur in Rheinberg.

Eine andere Episode aus der Geschichte geht der Frage nach: Warum geht es den Rheinberger Geschäftsleuten so schlecht? Theologe Karl Anton von Mastiaux (1766-1828) schreibt dazu im Jahre 1800: Es sei leicht einzusehen, dass „bei einer Einquartierung von 3 und 4 Soldaten in jedem Haus“, die Bewohner keinen großen Handel in dem Haus mehr treiben konnten. „Die Bürger konnten sich nur mit Ackerbau und einem kleinen Kramladen ernähren.“

Vater und Sohn betrieben einen kleinen Kramladen, seien aber nie im Geschäft, weil an jeder Ecke eine „Wein-, Bier- und Branntweinschänke existierte“. Diese Kneipen wurden durch die Besatzung und eben die Krämer in Gang gehalten. „Lebhaftigkeit und Mut, ein Geschäft zu führen, ist daher eingeschlafen“, so der Theologe. Die Leute hätten sich lieber mit Jagen und Angeln beschäftigt, hätten in den Bruderschaften beim Bier geschwärmt von ihren Zünften und lamentiert über die „üble Verteilung“ der Steuern in der Stadt und überhaupt über die „schlechte Wirtschaft“, die mit den städtischen Einkünften getrieben wurde. Palaver bei Bier und Wein: arbeiten – nein.

Hein Hoppmann Stadtansicht um 1900. Foto: Stadtarchiv

„Das alles sind lauter Ursachen, dass die ganze Kaufmannschaft noch immer eben leblos bleibet, auch noch täglich mehr zurückgehen werde“, so die Erkenntnis.